Was kostet (mich) offene Lehre?
Open Educational Resources (OER) haben den Vorteil, dass damit Lehrenden und Lernenden Lehr- und Lernmaterialien kostenfrei zur VerfĂŒgung stehen. OER realisieren so unter anderem Open Access fĂŒr Lehr- und Lernmaterialien (vgl. eleraningph 2016). Gleichzeitig spielen bei OER Nachnutzung und Anpassung fĂŒr eigene Zwecke eine vergleichsweise groĂe Rolle: Texte, PrĂ€sentationen, ErklĂ€rvideos bis hin zu ganzen Kursen können nicht nur heruntergeladen, sondern auch im eigenen Bildungsangebot verwendet, angepasst und weitergegeben werden, ohne dass dafĂŒr eine Erlaubnis erworben oder eine LizenzgebĂŒhr gezahlt werden muss.
Das bedeutet jedoch auch fĂŒr OER nicht, dass die Erstellung und Nutzung gĂ€nzlich unabhĂ€ngig von Budgets ist. Insbesondere die Entwicklung offener Bildungsmaterialien und deren Bereitstellung kann finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen und AufwĂ€nde fĂŒr Institutionen und Bildungspersonal bedeuten.
Diese oft versteckten Kosten sollten bei der Planung und DurchfĂŒhrung eines OER-Projekts nicht vernachlĂ€ssigt werden (vgl. OER FAQ o.J.).
OER in der Bildungspraxis etablierenDie bildungspolitische Zielsetzung, den Einsatz von OER umfassend in der Bildungspraxis zu etablieren, kann nicht allein im Rahmen von ehrenamtlichem Engagement verfolgt werden. Anfallende Kosten im OER-Prozess machen somit auch unterschiedliche GeschÀfts- und Finanzierungsmodelle unerlÀsslich (vgl. Fahrer o.J., OER FAQ o.J.).
In diesem Blogbeitrag zur Open Access Week 2026 geht es um die Frage, welche Investitionen bei Infrastruktureinrichtungen, Bildungsanbieter:innen und Lehrpersonal notwendig sind, um Lehr- und Lernmaterialien unter einer offenen Lizenz bereitzustellen. DarĂŒber hinaus zeigen wir, was die TIB leistet, um diese Kosten zu reduzieren und gerechter zu verteilen.
Die Kosten fĂŒr Infratrukturanbieter:innenUnter Lehrmaterialien werden zunĂ€chst oft LehrbĂŒcher verstanden. Aufgrund der âĂŒberdurchschnittlichen Nutzungâ und dem Bedarf an âaktualisierten Neuauflagenâ im Vergleich zu anderer Forschungsliteratur waren LehrbĂŒcher fĂŒr Verlage schon lĂ€nger von Interesse. Gleichzeitig stellen LehrbĂŒcher aber âauch eine besondere Herausforderung hinsichtlich der Umstellung zu Open Access [dar]â (vgl. Lange & Wiese 2025), die hier aber nicht im Fokus stehen sollen.
Dienstleistungsportfolio von âtwilloHUBâBetrachtet werden soll hier hingegen die vergleichsweise jĂŒngere Entwicklung der Infrastrukturen fĂŒr offene Lehr- und Lernmaterialien aus der Hochschullehre und all ihren weiteren Formen.
In Deutschland startete mit der Hamburg Open Online University (HOOU) im Jahr 2014 die erste deutsche Initiative, die explizit die Bereitstellung von OER umfasste (vgl. UniversitĂ€t Hamburg 2025). 2017 folgte das ZOERR fĂŒr Baden-WĂŒrttemberg (vgl. ZOERR o.J.) und twillo im FrĂŒhjahr 2020 fĂŒr Niedersachsen (vgl. twillo 2026).
Seitdem folgten und folgen noch immer OER-Repositorien in weiteren BundeslÀndern.
WĂ€hrend Föderalismus die gesamte deutsche Forschungs- und Bildungslandschaft prĂ€gt, ist dieser bei OER-Infrastrukturen in der Hochschullehre besonders sichtbar. Damit besteht das Risiko von kostspieligen Mehrfachentwicklungen mit fragwĂŒrdiger Langlebigkeit.
Hier setzt die TIB mit dem Dienstleistungsangebot twilloHUB an, ihre OER-Infrastrukturen lĂ€nderĂŒbergreifend bereitzustellen. Eine seit 2024 laufende Kooperation mit ORCA.nrw soll hier eine Alternative aufzeigen. Durch die Kooperation können Hochschullehrende in Nordrhein-Westfalen die OER-Infrastrukturen und Repositorien, die an der TIB bereitgestellt werden, mitnutzen (vgl. Stöllger, Krause & Plank 2025).
Die Infrastrukturen umfassen dabei neben dem OER-Repositorium fĂŒr das Land Niedersachsen twillo, auch das TIB AV-Portal fĂŒr wissenschaftliche Film und Audioinhalte, die als OER lizenziert sind und ĂŒber das FĂ€cherspektrum der TIB als Deutsche Zentrale Fachbibliothek fĂŒr Technik und Naturwissenschaften hinausgehen. Es folgten weitere Dienste der TIB, wie die TIB-Moodle Plattform TOERN fĂŒr interaktive Moodle-Inhalte und ConRec fĂŒr die professionelle Produktion von wissenschaftlichen Videoprojekten, darunter eben auch OER.
Lehrende fĂŒr offene Bildung begeisternDie Kosten der OER-Bereitstellung beschrĂ€nken sich nicht nur auf die Bereitstellung und bedarfsorientierte Weiterentwicklung von Hard- und Software der Front- und Backends. Nutzende haben auch den berechtigten Anspruch, relevante Lehr- und Lernmaterialien fĂŒr ihre fachspezifischen und didaktischen Bedarfe vorzufinden. Damit sind OER-Repositorien gefordert, neue und aktuelle Materialien zu akquirieren. GröĂte Aufgabe ist es Lehrende zu animieren, ihre Lehre offen lizenziert zu teilen. twillo ist gerade in Niedersachsen, aber auch darĂŒber hinaus aktiv, noch mehr Lehrende fĂŒr offene Bildung zu begeistern.
Weiterhin mĂŒssen offene Bildungsmaterialien ĂŒber Repositorien- und LĂ€ndergrenzen hinweg auffindbar sein. Die TIB hat dazu mit dem hbz den Open Educational Resources Search Index (oersi.org) im Open Source entwickelt. Dieser ist nicht nur auf twillo, sondern auch auf allen deutschen OER-Repositorien und darĂŒber hinaus als globale OER-Suche eingebunden.
Diese Aufgaben mĂŒssen nachhaltig und je nach Bedarf finanzierbar sein und finanziert werden. In vielen BundeslĂ€ndern haben sich UniversitĂ€ten und Hochschulen, wie durch die OER-Portale sichtbar, bereits zusammengefunden, um diese Kosten miteinander zu teilen. LĂ€nderĂŒbergreifende Kooperationen können hier weitere Synergien schaffen. Aber auch durch die Bereitstellung der OER-Infrastruktur fĂŒr einzelne Projekte, die Lehrmaterialien erstellen, trĂ€gt twilloHUB dazu bei, diese Kosten auf möglichst viele Schultern zu verteilen und dadurch Ersparnisse und Synergien zu erzielen.
Aufwendungen fĂŒr Hochschulen und LehrendeAuch Hochschulen tragen Kosten, um ihren Mitarbeiter:innen die Entwicklung von OER zu ermöglichen. Datunter fallen technische Ausstattung, insbesondere geeignete Hard- und Software, SpeicherkapazitĂ€ten und ein zuverlĂ€ssiger Internetzugang. Dabei zeigt sich aber, dass diese AufwĂ€nde bezogen auf OER kaum von denen fĂŒr geschlossenen Bildungsmaterialien unterscheiden. Vielmehr lĂ€sst sich die Offenheit von OER sehr gut mit Open Source verbinden.
Das stÀkt nicht nur digitiale SouverÀnitÀt, sondern kann mit sinkender AbhÀngigkeit zu propritÀren Big-Tech-Lösungen auch finanzielle Einsparnisse mitbringen.
Einen weiterhin wesentlichen Faktor im OER-Prozess stellt jedoch sowohl fĂŒr Hochschulen als auch fĂŒr Lehrende der zeitliche Arbeitsaufwand dar, der fĂŒr die Aufbereitung von Lehr- und Lernmaterialien als OER gegebenenfalls noch erforderlich ist.
FĂŒr die Entwicklung von offenen Bildungsmaterialien sind fundierte Kenntnisse des Urheber- und Lizenzrechts sowie Kompetenzen im Bereich der (offenen) Medienproduktion unerlĂ€sslich (vgl. Plank/Beutnagel 2022), die das Personal ggf. zunĂ€chst im Rahmen von Schulungen oder Workshops erwerben und/oder ausbauen muss. Auch Ressourcen fĂŒr die Inanspruchnahme (rechtlicher) Beratungsangebote sind in der Planung eines OER-Projekts zu berĂŒcksichtigen (OER FAQ o.J.).
WebprĂ€senz des OER-Portals twillo.deNeben den internen Einrichtungen der jeweiligen Hochschulen, die oft die erste Anlaufstelle fĂŒr Lehrende sind, unterstĂŒtzt twillo aktiv als Beratungs- und Kompetenzzentrum. Neben Informationen zu aktuellen Themen rund um offene Lehre (zum Beispiel zu KI und offener Lehre) veranstaltet twillo regelmĂ€Ăig vielseitige Workshops und bietet persönliche Support- und Beratungsangebote, wie zum Beispiel die wöchentliche Sprechstunde, den twillo-Thursday.
Alle Angebote sind Dank der Föderung durch das niedersĂ€chische Ministerium fĂŒr Wissenschaft und Kultur kostenlos.
Um OER in der Hochschule sichtbarer zu machen und gleichzeitig ein ausdrucksstarkes Zeichen fĂŒr Bildungsgerechtigkeit zu setzen, kann eine OER-Policy an Hochschulen, gerade auch als expliziter Teil einer Open Science-Policy, hilfreich sein. Eine OER-Policy kann Lehrende darin bestĂ€rken, ihre Lehre offen und einfach nachnutzbar zu gestalten. Auch hier setzt sich twillo fĂŒr die Implemntierung von OER-Policies ein, indem es â naturlich offen lizensiert â nĂŒtzliche Ressourcen zur Erstellung und Verabschiedung und Beratungsangebote anbietet (vgl. twillo o.J.).
Die gröĂten Ersparnisse nicht nur finanzieller, sondern auch zeitlicher Ressourcen werden sich wohl erst einstellen, wenn Offenheit auch fĂŒr Lehr- und Lernmaterialien zur SelbstverstĂ€ndlichkeit wird: Wenn Lehre gleich von Beginn an offen gedacht und konzipiert wird und Lehrende sicher mit offenen Lizenzen umgehen können, entfĂ€llt nicht nur der ĂŒbliche Aufwand zuvor geschlossenes Lehrmaterial im Nachhinein als OER zu öffnen.
Ein offenes Ăkosystem der Nachnutzung von Lehrmaterialien erlaubt es auĂerdem, dass gleiche oder sehr Ă€hnliche Lehrmaterialien nicht immer wieder neu erstellt werden mĂŒssen. So wird Zeit frei, Bestehendes zu aktualisieren, zu verbessern und an eigene Lehrbedarfe anzupassen. Gleichzeitig profitieren Infrastrukturen von Skalierungseffekten und gemeinsamen Entwicklungen.
FazitWie beschrieben, ist die Entwicklung und Bereitstellung von Open Educational Resources mit Kosten und AufwĂ€nden fĂŒr Infrastruktureinrichtungen, Bildungsinstitutionen und Bildungspersonal verbunden. Gleichzeitig verspricht der Einsatz von OER aber auch âdie Effizienz und ProduktivitĂ€t dieser Investitionen zu steigern, indem er neue Wege zur Entwicklung besserer Angebote, Kurse und Materialien eröffnetâ (OER FAQ o.J.).
Gerade der Blick auf die zunehmend erfolgreiche Etablierung von Open Access lĂ€sst hoffen, dass fĂŒr Open Educational Resources ein Ă€hnlicher Paradigmenwechsel angestoĂen werden kann.
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OpenAccess LizenzCCBY40INT