Wann lebt der Nachwuchs sein eigenes Leben?
Junge Steinadler verbringen erstaunlich viel Zeit bei ihren Eltern. Zwar beherrschen sie schon wenige Monate nachdem sie flügge geworden sind das Fliegen fast so gut wie erwachsene Tiere, aber dennoch kehren viele noch monatelang ins elterliche Revier zurück.
Ein Forschungsteam des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) wollte wissen, was schließlich den Ausschlag für den endgültigen Auszug gibt.
Dafür wurden 92 junge Steinadler in den Alpen über sechs Jahre hinweg mit GPS-Sendern verfolgt. Die Sender zeichneten ihre Position teilweise sekündlich auf. So ließ sich nicht nur verfolgen, wohin die Tiere flogen, sondern auch, wie geschickt sie kreisten, Höhe gewannen und den Wind nutzten.
Überraschenderweise sagte dieses Fluggeschick kaum etwas darüber aus, wann ein Jungadler selbstständig wurde.
Aussagekräftiger war, wie weit und wie hoch er sich bei seinen alltäglichen Ausflügen bereits bewegte. Tiere, die zunehmend größere Gebiete erkundeten, verließen eher endgültig das Revier ihrer Eltern.
Offenbar zählt also nicht allein, was ein junger Adler bereits kann, sondern welche Erfahrungen er außerhalb seines vertrauten Umfelds sammelt.
Das finde ich tatsächlich sehr menschlich und erinnert mich irgendwie an das Konzept von “Wurzel und Flügel”. Hübsch, oder?
Dass sich die Jungvögel trotzdem Zeit lassen, könnte übrigens gerade in den Alpen einen guten Grund haben. Die dortige Steinadlerpopulation hat sich so weit erholt, dass fast alle geeigneten Reviere bereits besetzt sind. Solange die Eltern sie dulden, bietet das heimische Revier Nahrung und relative Sicherheit. Außerhalb wartet dagegen eine Landschaft, in der freie Reviere knapp sind und Konkurrenz mit anderen Adlern gefährlich werden kann.
Auch das ist irgendwie scheinbar ein artübergreifendes Konzept.
Quelle:
Brønnvik et al., 2026, Royal Society Open Science
DOI: 10.1098/rsos.251574