sehbehinderung
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Bahn. Ein Typ im Trikot eines rechtsextrem bekannten Clubs setzt sich ungefragt neben mich, seine Kumpels grinsen:
„Die Augen sind ja nur ein Teil vom Gehirn. Bist du dann geistig behindert? HAHAHA“
Meine Antwort:
„Korrekt, die Retina ist embryologisch eine Ausstülpung des Diencephalons. Ihr Syllogismus scheitert jedoch an einer Kategorienverwechslung. Ferner korreliert die Kohärenz Ihrer Argumentation augenscheinlich invers mit Ihrer Kohortenzugehörigkeit.“
Stille. Stirnrunzeln. Er stand auf und ging.
Ich sehe schlecht. Er denkt schlecht. Nur eins davon ist behindernd.
Ich habe RP. Mein Sichtfeld wird jedes Jahr kleiner.
Manchmal frage ich mich: Was will ich mir anschauen, solange es noch geht? Welches Gesicht, welchen Ort, welches Licht?
Du hast wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht.
Musst du auch nicht.
Aber vielleicht schaust du heute Abend einmal länger hin, bei etwas, das du liebst.
Einfach, weil du es kannst.
Auf der Dienstbesprechung geht ein Zettel rum: Termine, Listen, Kuchenplan. Kleine Schrift, hellgrau auf weiß.
Alle tragen sich ein. Ich kann es nicht lesen.
Ich frage, ob man es mir digital schicken kann. Die Antwort: „Ach, ist doch nur ein Zettel.“
Beim nächsten Fest heißt es: „Der bringt ja nie was mit.“
Ich hätte gerne. Ich wusste nur nicht, wann und was.
Ein Zettel ist kein Problem, außer für die, die ihn nicht sehen.
Stell Dir vor: Schotter knirscht unter Deinen Füßen, der Wind rauscht durchs Schilf, vor Dir stehen Flamingos im flachen Wasser🦩
Folge 2 von „Entschleunigen in La Marina“ ist eine Hörreise in den Parque Natural El Hondo, in der jede Szene beschrieben wird – auch für blinde und sehbehinderte Menschen gut geeignet. Mit Transkript ❤️
Ein Mann hat mich in der Bahn gefragt, ob ich “wenigstens richtig blind” sei, weil er sich sonst “verarscht” fühle. Ich habe kurz überlegt, wie viele Menschen wohl täglich ihre eigene Angst vor Krankheit und Verlust an fremden Körpern abarbeiten, die ihnen begegnen. Seine Frage war grausam. Meine Antwort war ruhig. Beides war echt. Ich lerne, dass ich nicht jede Grausamkeit persönlich nehmen muss, um sie trotzdem ernst zu nehmen.
Ich stand an einer Kreuzung und versuchte herauszufinden, wann ich gehen kann.
Neben mir sagte plötzlich eine Stimme:
„Jetzt ist Grün. Ich gehe auch rüber.“
Mehr nicht.
Keine Hand an meinem Arm. Kein ungefragtes Ziehen. Kein „Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“
Nur eine Information.
Wir gingen gemeinsam über die Straße und danach in verschiedene Richtungen.
Vielleicht war es für diesen Menschen nichts Besonderes.
Für mich war es gute Hilfe.
Hilfe lässt einem die Kontrolle.