Ist Bio gleich Tierwohl?
Mit ökologischer Tierhaltung verbinden viele (so auch ich) vermutlich auch die Vorstellung, dass es den Tieren dort grundsätzlich besser geht. Tatsächlich schafft der Ökolandbau dafür auch einige gute Voraussetzungen. Mehr Platz, Einstreu, Auslauf oder Weidegang ermöglichen beispielsweise mehr arttypisches Verhalten. Doch Bio allein ist offenbar noch keine Garantie für tatsächlich mehr Tierwohl.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit des Thünen-Instituts zeigt ein Bild mit zumindest einigen Graustufen.
Bei vielen untersuchten Gesundheitsmerkmalen, etwa bei Eutergesundheit, Stoffwechselerkrankungen oder Fruchtbarkeit von Milchkühen, zeigte sich insgesamt kein eindeutiger Vorteil von ökologischer Haltung.
In einigen Bereichen schnitt die ökologische Haltung allerdings schon besser ab. So traten bei Rindern beispielsweise Lahmheiten sowie Probleme an Klauen und Gliedmaßen seltener auf.
Gleichzeitig können manche eigentlich positiven Haltungsbedingungen auch neue Herausforderungen schaffen. Weidegang ermöglicht natürliches Verhalten und kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken, erhöht aber beispielsweise den Kontakt mit bestimmten Parasiten.
Entscheidend für das Gesamtbild ist deshalb auch, wie gut ein Betrieb mit solchen Risiken umgeht.
Die Haltungsform bestimmt damit zwar die Rahmenbedingungen, aber nicht automatisch das Ergebnis. Der ökologische Landbau bietet durchaus großes Potenzial für mehr Tierwohl. Ob dieses Potenzial tatsächlich bei den Tieren ankommt, hängt aber wesentlich vom Management des einzelnen Betriebs ab.
Die Forschenden schlagen deshalb vor, bei der Bewertung von Betrieben stärker darauf zu schauen, wie es den Tieren tatsächlich geht. Neben den bisherigen Vorgaben zu Haltung und Management könnten dafür standardisierte, direkt am Tier erhobene Kriterien in die Bio-Zertifizierung einfließen. So ließe sich nicht nur beurteilen, welche Bedingungen ein Betrieb bietet, sondern auch, ob diese tatsächlich zu guter Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere führen.
Persönlich bleibe ich nach dieser Studie trotzdem etwas ratlos zurück. Natürlich ist es sinnvoll zu untersuchen, wie sich das Tierwohl in bestehenden Haltungssystemen verbessern lässt. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir damit nicht vor allem innerhalb eines Systems optimieren, dessen grundsätzliches Problem in der schieren Zahl der gehaltenen Tiere liegt. Eine deutliche Reduktion des allgemeinen Konsums tierischer Produkte würde viele Konflikte um Platz, Haltung und Wirtschaftlichkeit doch direkt entschärfen.
Quelle:
Wagner et al., 2026, Organic Agriculture
doi.org/10.1007/…