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Ameisenlarven steuern die Population

Larven galten bisher als eher passive Mitglieder eines Ameisenstaates. Sie werden versorgt und geschützt, das war es dann aber auch. Eine neue Studie zeigt nun, dass wir die lieben Kleinen wohl unterschätzt haben.

Ein Forschungsteam am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie hat bei der klonalen Räuberameise Ooceraea biroi ein bislang unbekanntes Duftsignal entdeckt, das ausschließlich von Larven produziert wird.

Bevor ich darauf weiter eingehe, ist es wichtig diese Ameisenart genauer vorzustellen. Klonale Räuberameisen heißen nämlich deshalb so, weil sie sich quasi klonen. Sie haben keine Königin, sondern alle Arbeiterinnen vermehren sich asexuell (Parthogenese).

Eben dieses neu entdeckte Duftsignal sorgt dafür, dass erwachsene Arbeiterinnen vorübergehend keine Eier mehr legen, sondern die Vermehrung ruht. Dabei reicht es aus, wenn die Ameisen den Duft wahrnehmen, ein direkter Kontakt zu den Larven ist gar nicht nötig.

Damit wird ein zentraler Mechanismus innerhalb der Kolonie sichtbar, für den es wichtig ist die Lebensweise der Tiere zu kennen.

Die Ameisen wechseln in einem festen Rhythmus zwischen Eiablage und Brutpflege. Das Signal der Larven wirkt dabei wie eine Art „Stoppschild“ für die Fortpflanzung. Solange Larven vorhanden sind, wird keine neue Brut produziert. Erst wenn sich diese weiterentwickeln, fällt die Hemmung weg und die Eiablage setzt wieder ein.

Erstmals konnte ein solches Brutpheromon bei Ameisen chemisch eindeutig identifiziert werden. Besonders interessant ist, dass es sich um genau eine spezifische Verbindung handelt, die diese Wirkung auslöst (also kein Duftgemisch).

Die Ergebnisse liefern einen wichtigen Baustein für das Verständnis sozialer Organisation bei Insekten. Sie zeigen, wie fein abgestimmt chemische Kommunikation komplexe Abläufe wie Fortpflanzung und Arbeitsteilung koordinieren kann.

Wieder einmal eine Geschichte, bei der man ins Staunen kommen kann, wie fein die Zahnrädchen des Lebens ineinander greifen.

Abgesehen von diesem Staunen, musste ich bei dieser Studie aber auch an einen Bericht denken, den ich im Frühjahr gelesen habe. In Karlsruhe legten Ameisen die Elektrik einer Ampel lahm und es kam zu einem Unfall. Ein Elektriker erläuterte, dass es schwierig sei, solche Schaltkästen ameisenfrei zu halten.

Vielleicht erlauben die neuen Erkenntnisse irgendwann eine sehr zuverlässige und biologische Möglichkeit, eben solche Orte als Lebensraum für Ameisen doch ungeeignet zu machen.

Quelle:
Piqueret et al. (2026), PNAS
doi.org/10.1073/…

MPI ökologie natur biologie ameise
+4 Less pnas wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt ausgewachsene Ameisen der Art "Ooceraea biroi" und deren Larven. Beide wurden offenbar für das Foto auf einem hellen Untergrund gesetzt. Ursprünglich stammt diese Art aus tropischen und subtropischen Regionen Asiens, hat sich inzwischen aber weltweit in warmen Regionen oder geschützen Orten verbreitet. Eine äußerst interessante Eigenart dieser Ameisen ist die Tatsache, dass sie keine Königin haben wie andere Ameisen. Stattdessen vermehren sich die Arbeiterinnen asexuell. Sie klonen sich quasi. Dieser Prozess wird durch einen einzelnen Duftstoff der Larven gehemmt, wie eine neue Studie zeigt. Das Foto wurde von Anna Schroll aufgenommen und vom Max Planck Institut für chemische Ökologie für die Berichterstattung zu dieser Forschung zur Verfügung gestellt.
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Die Karibik-Tübingen-Connection

Sie sind teilweise mehr als 30 Zentimeter lang, haben einen kräftigen Panzer und sieben Beinpaare. Riesenasseln der Gattung Bathynomus gehören zu den auffälligsten Bewohnern der Tiefsee.

Ein Exemplar, das jahrzehntelang in der Paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen aufbewahrt wurde, hat sich nun als Vertreter einer bislang unbekannten Art erwiesen.

Das Tier stammt aus Puerto Rico und wurde bereits in den 1980er-Jahren nach Tübingen gebracht und als Bathynomus giganteus bestimmt. Dort untersuchten Benedikt Kästle und Ingmar Werneburg die getrocknete Assel nun erneut mit modernen bildgebenden Verfahren und verglichen ihre anatomischen Merkmale mit denen anderer Riesenasseln.

Dabei entdeckten sie mehrere Abweichungen, insbesondere an den Mundwerkzeugen und am Hinterleib, die das Tier sowohl von Bathynomus giganteus als auch von anderen bekannten Arten unterschieden haben. Sie haben tatsächlich mitten im Museum eine neue Art entdeckt! Sie erhielt den Namen Bathynomus tuebingoborikensis, eine Kombination aus Tübingen und Boríken, dem indigenen Namen für Puerto Rico.

Die Untersuchung lieferte zugleich neue Erkenntnisse zur Evolutionsgeschichte dieser Krebstiere. Eine Stammbaumanalyse deutet darauf hin, dass die Gattung Bathynomus vor mehr als 15 Millionen Jahren in der Karibik entstand. Von dort breiteten sich ihre Vertreter über die Ozeane aus und entwickelten Arten unterschiedlicher Körpergrößen.

Die neu beschriebene Art gehört mit ihren 32,2 Zentimetern zu den besonders großen Vertretern der Gattung. Als ihre nächste Verwandte identifizierten die Forschenden Bathynomus yucatanensis, eine Riesenassel aus dem Golf von Mexiko.

Irgendwie lustig, dass das erst jetzt aufgefallen ist. Wie gut es doch ist, alte Präparate nochmal genau anzuschauen. So lässt sich tatsächlich mitunter Neues entdecken. Nach diesem Prinzip kann man auch super den Keller oder Dachboden aufräumen.

Quelle
Werneburg & Kästle, Scientific Reports (2026)
doi.org/10.1038/…

funfact meer tiefsee artenvielfalt evolution
+7 Less tübingen puertorico sammlungen biologie wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine Aufnahme der getrockneten neu entdeckten Riesenassel in einer Perspektive von schräg unten. Der Körper ist breit, abgeflacht und von einem festen, beigefarbenen Außenskelett umgeben, das in mehrere Abschnitte gegliedert ist.

Besonders auffällig sind die sieben Paar kräftigen Laufbeine, die seitlich am Körper ansetzen und nach innen angewinkelt sind. Im vorderen Bereich befinden sich die kleineren, dicht beieinanderliegenden Mundwerkzeuge. Am Hinterleib sind weitere, teilweise blattförmige Anhänge zu erkennen, die unter anderem der Atmung dienen. Sie lassen das Tier noch vielbeiniger erscheinen, als es tatsächlich ist.

Das gezeigte Exemplar ist 32,2 Zentimeter lang und wurde bereits in den 1980er-Jahren vor Puerto Rico gefangen. Jahrzehntelang galt es als Vertreter einer anderen Riesenasselart, bevor anatomische Untersuchungen seine Eigenständigkeit zeigten. Das Foto wurde von Julie Klaess aufgenommen und begleitet die Pressemeldung der Eberhard Karls Universität Tübingen.
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Angst vor Spinnen?

Halloween ist die perfekte Gelegenheit, sich einmal mit Tieren zu beschäftigen, die bei vielen Menschen für Gänsehaut sorgen: Spinnen.

Doch warum haben wir eigentlich so große Angst vor ihnen, obwohl die allermeisten Arten für uns im Grunde vollkommen ungefährlich sind?

Eine mögliche Erklärung liegt in unserer Evolutionsgeschichte. Demnach könnte die Angst vor Spinnen ursprünglich auf eine ganz andere Tiergruppe zurückgehen, nämlich auf Skorpione, die ja ihrerseits ebenso Spinnentiere sind.

Ein internationales Forschungsteam untersuchte diese Hypothese anhand einer Onlinebefragung mit 374 Menschen. Die Teilnehmenden bewerteten Bilder verschiedener Spinnentiere danach, wie beängstigend sie diese fanden und wie ähnlich sie Spinnen beziehungsweise Skorpionen sehen würden.

Dabei zeigte sich, dass die beschrieben Angst umso größer war, je mehr ein Tier einem Skorpion ähnelte. Auch Spinnen wurden als beängstigender bewertet, wenn die Teilnehmenden sie als skorpionähnlicher wahrnahmen. Umgekehrt ließ sich die Angst vor Skorpionen nicht durch deren Ähnlichkeit mit Spinnen vorhersagen. Das spricht dafür, dass die Angst eher von Skorpionen auf Spinnen übertragen wird als umgekehrt.

Die Forschenden sehen in ihren Ergebnissen zumindest einen deutlichen Hinweis darauf, dass unsere Angst vor Spinnen zumindest teilweise eine Folge der sogenannten Angstgeneralisierung sein könnte. Dabei überträgt sich die Furcht vor einer bestimmten Gefahr auf etwas anders, ähnliches, das seinerseits durchaus vollkommen ungefährlich sein kann. Aus evolutionärer Sicht wäre das durchaus plausibel, denn Skorpione stellten für unsere Vorfahren vermutlich tatsächlich eine recht große Gefahr dar.

Eine weitere Studie mit 1.071 Menschen untersuchte den Zusammenhang zwischen Naturverbundenheit und der Angst vor Spinnen und Schlangen. Das Ergebnis: Je stärker sich die Befragten mit der Natur verbunden fühlten, desto geringer war ihre Angst vor diesen Tieren. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Menschen, die gerne Zeit in der Natur verbringen und sich für wild lebende Tiere interessieren.

Unsere Erfahrungen und unser Verhältnis zur Natur scheint also durchaus auch eine wichtige Role zu spielen und stellen so womöglich auch ein Potential zur Angstreduktion dar.

Am Ende sind es vermutlich viele Aspekte, die zusammenkommen. In der Summe kann es aber sich nicht schaden, diese faszinierenden Tiere mal ein wenig genauer zu betrachten.

Ich wünsche euch einen schönen gruseligen Abend.

Quellen:
Nikakhtar et al. (2026), Evolution and Human Behavior.
doi.org/10.1016/…

Zsido et al. (2022), People and Nature
doi.org/10.1002/…

halloween spinne angst biologie evolution
+5 Less natur psychologie wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine Nahaufnahme einer Gartenkreuzpinne bei Nacht, die in ihrem Netz sitzt. Die Aufnahme habe ich vor einigen Jahren selbst in unserem Garten gemacht als ich zu später Stunde mit meiner Kamera hinterm Haus auf Fotosafari ging. Bei dem Tier handelt es sich um ein Weibchen, was anhand der großen Körpergröße (zumindest in live) bereits gut zu erkennen war. Auf dem Bild erkennt man das vor allen Dingen an den spitz zulaufenden Pedipalpen. Das sind die sogenannten Kieferntaster, eine Art kurzes weitere Beinpaar direkt neben den Mundwerkzeugen. Bei einem männlichen Tier sind wären die Enden deutlich verdickt und eher kugelförmig. Auch der stark ausgeprägte Hinterleib der Spinne spricht in dieser Form deutlich für ein Weibchen. Gartenkreuzspinnen sitzen klassischerweise in der Mitte ihrer großen Radnetze und warten dort auf Beute.
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Wissenschaft als Weg

Heute gibt es einen kleinen Exkurs in die Welt der Mikroskopie.

Viele Strukturen im Inneren unserer Zellen sind so klein, dass sie mit gewöhnlichen Lichtmikroskopen nicht voneinander unterschieden werden können.

Eine Möglichkeit, sie dennoch sichtbar zu machen, ist die sogenannte Superauflösungsmikroskopie. Eine aktuelle Studie aus Göttingen zeigt, wie sich diese Technik weiter verbessern lässt.

Dafür markieren Forschende bestimmte Moleküle mit fluoreszierenden Farbstoffen. Diese können unter dem Mikroskop durch Anstrahlung mit Licht einer bestimmten Wellenlänge zum Leuchten gebracht werden. Allerdings liegen die Moleküle oft so dicht beieinander, dass ihre Lichtsignale verschwimmen. Das hilft dann auch nicht wirklich.

Ein internationales Forschungsteam hat nun untersucht, wie sich diese Methode mit einem Farbstoff namens JF635b weiter verbessern lässt. Das Besondere an ihm ist, dass er selbstständig blinkt. Seine Moleküle können spontan ihre Struktur verändern und wechseln dabei zwischen zwei Formen, von denen eine fluoresziert und die andere dunkel bleibt.

Dadurch leuchten nicht alle markierten Moleküle gleichzeitig, sondern immer nur einzelne nach einem zufälligen Muster auf. Ihre Lichtsignale überlagern sich deshalb kaum noch und lassen sich getrennt erfassen.

Aus jedem dieser Signale lässt sich die Position des jeweiligen Farbstoffmoleküls mit hoher Genauigkeit berechnen. Indem die Forschenden Tausende einzelne Aufnahmen machen und die ermittelten Positionen am Computer zusammenfügen, entsteht nach und nach ein hochaufgelöstes Bild der markierten Zellstrukturen.

Die Forschenden konnten damit unter anderem Mikrotubuli besonders präzise abbilden. Das sind feine, röhrenförmige Strukturen aus Proteinen, die einen Teil des Zellskeletts bilden und unter anderem für die Form der Zelle und den Transport von Stoffen innerhalb der Zelle wichtig sind.

Der Vorteil ist, dass dieser Farbstoff auch ohne spezielle chemische Zusätze zuverlässig blinkt. Das macht also nicht nur das Ergebnis besser, sondern vereinfacht auch die Laborarbeit. Außerdem bleiben die markierten Proben lange stabil und können auch nach Monaten erneut untersucht werden.

Die Studie zeigt damit auch eine andere Seite der Forschung. Nicht jede wissenschaftliche Arbeit entdeckt irgendwelche neuen Prinzipien der Natur. Manche verbessern zunächst die Werkzeuge, mit denen solche Entdeckungen überhaupt erst möglich werden.

Quelle Basak et al. (2026), Nano Letters
doi.org/10.1021/…

nano microskop biologie labor fluoreszenz
+4 Less wissenschaft wisskomm unigöttingen anysci
Das Bild zeigt zwei fluoreszenzmikroskopische Aufnahmen von Mikrotubuli im Inneren einer Zelle. Mikrotubuli sind winzige, röhrenförmige Strukturen aus Proteinen, die einen Teil des sogenannten Zellskeletts bilden. Sie tragen sowohl zur Form und Stabilität der Zelle bei, dienen aber auch als Transportwege, entlang derer beispielsweise Zellorganellen und kleine, von Membranen umschlossene Bläschen bewegt werden können.

Beide Aufnahmen zeigen solche Mikrotubuli als blau leuchtende Strukturen vor schwarzem Hintergrund. Links sind überwiegend einzelne, schwache Lichtpunkte zu erkennen. Die feinen Fäden lassen sich nur stellenweise erahnen. Rechts ist dagegen ein dichtes Netzwerk aus zahlreichen klar leuchtenden Linien sichtbar, die sich durch das Zellinnere ziehen und ein dichtes Netz bilden.

Der Unterschied entsteht durch die verwendeten Fluoreszenzfarbstoffe. Links wurde ein herkömmlicher Farbstoff verwendet, der unter den untersuchten Bedingungen nur wenige verwertbare Signale liefert. Rechts kam ein selbstblinkender Farbstoff zum Einsatz, mit dem sich die Positionen der markierten Moleküle zuverlässiger bestimmen lassen. Dadurch wird das Netzwerk der Mikrotubuli viel deutlicher und in guter Schärfe sichtbar. 

Die Abbildung stammt aus der Studie, die am Ende des Haupttextes verlinkt ist.
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Von Angst und Eichen

Ökologische Zusammenhänge sind immer wieder faszinierend. Eine neue Studie aus den USA zeigt, dass sogar die Angst eines Tieres vor seinen Fressfeinden beeinflussen kann, wo neue Bäume wachsen.

Eichhörnchen sammeln bekanntlich Nüsse und Samen und legen Vorräte für Zeiten an, in denen die Futterquellen knapp sind. Ein Teil dieser Vorräte bleibt jedoch im Boden zurück. Aus diesen vergrabenen Samen können dann neue Pflanzen entstehen. Doch wo die Tiere die Samen ablegen, ist nicht zufällig.

Zwei Forscher der University of Florida untersuchten dazu das Verhalten von Fuchshörnchen (Sciurus niger) in einer Kiefernsavanne im Südosten der USA. Sie verfolgten markierte Eicheln, erfassten die Fressplätze und Vorratsverstecke der Hörnchen und schätzten mithilfe von Futterexperimenten ab, wie hoch die Tiere das Risiko durch Fressfeinde an diesen Orten einschätzten.

Dabei zeigte sich ein interessanter Unterschied. Die Hörnchen fraßen Eicheln bevorzugt an geschützten Stellen unter dem Blätterdach. Ihre Vorräte vergruben sie dagegen eher nicht an diesen geschützten Orten, sondern häufiger weiter entfernt von den Eichen, an offeneren Stellen, an denen sie ein größeres Risiko durch Fressfeinde wahrnahmen.

Das mag zunächst komisch anmuten, macht aber durchaus Sinn. Denn auch andere Eichhörnchen müssen sich dort einem höheren Risiko aussetzen, wenn sie nach fremden Vorräten suchen. Für das Tier, das die Eichel vergraben hat und den genauen Ort kennt, ist das Risiko aber viel niedriger, da es sich nur kurz und gezielt an diesem unsicheren Ort aufhält.

Interessant sind die Folgen dieser Entscheidung für die Eichen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass vergrabene Eicheln mit ganz erheblich höherer Wahrscheinlichkeit keimen als solche, die einfach auf dem Boden liegen.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich die räumliche Verteilung junger Eichen mit den bevorzugten Vorratsverstecken decken. Insgesamt kann man somit durchaus feststellen, dass die Angst der Eichhörnchen vor ihren Fressfeinden indirekt beeinflusst, wo neue Eichen wachsen.

Etwas überspitzt würde ich sogar ableiten, dass das alleinige Vorhandensein entsprechender Beutegreifer einen Einfluss auf die Eichenpopulation hat, ohne dass diese beiden Arten überhaupt direkt etwas miteinander zu tun haben.
So ist das eben in Ökosystemen. Umso wichtiger, sie zu schützen.

Quelle:
Potash & McCleery (2026), Ecology
„Predation risk alters prey caching behavior and resultant tree establishment patterns”
doi.org/10.1002/…

ecology biologie eichhörnchen wissenschaft wissen
+3 Less wald wisskomm anysci
Das Foto zeigt ein Fuchshörnchen, das aufrecht am Stamm eines Baumes sitzt. Diese eher kräftigen Tiere leben in Nordamerika und unterscheiden sich in Farbe und Körperbau deutlich von unseren heimischen Eichhörnchen. Sein Rücken ist überwiegend graubraun gefärbt, während Bauch und Brust etwas heller erscheinen. Der lange, buschige Schwanz liegt ausgestreckt auf dem Boden und zeigt eine bräunliche Färbung. Mit seinen Vorderpfoten hält sich das Tier am Baumstamm fest und blickt aufmerksam zur Seite. Fuchshörnchen ernähren sich unter anderem von Nüssen, Samen und Eicheln. Einen Teil ihrer Nahrung vergraben sie als Vorrat im Boden. Eine aktuelle Studie zeigt, dass das wahrgenommene Risiko durch Fressfeinde beeinflusst, wo die Tiere ihre Vorräte anlegen. Auf diese Weise kann die Gefahr durch Fressfeinde auch indirekt beeinflussen, wo neue Bäume wachsen, wenn die Samen eben nicht wieder ausgegraben werden. Das Foto stammt nicht aus der Studie, sondern von der Wikipediaseite des Fuchshörnchens (Sciurus niger). Die zugehörige Studie ist am Ende des Haupttextes verlinkt.
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Seevögel gegen Erosion

Was haben Seevögel mit dem Fortbestand tropischer Inseln zu tun? Eine ganze Menge, wie eine neue Studie zeigt. Denn die Tiere beeinflussen Prozesse, die für die Stabilität der Inseln entscheidend sind.

Viele flache Koralleninseln sind durch den steigenden Meeresspiegel und zunehmende Küstenerosion gefährdet. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Lancaster University hat deshalb 28 Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean untersucht. Dabei verglichen die Forschenden unter anderem die Seevogelbestände, die natürliche Vegetation und die angrenzenden Korallenriffe.

Eine wichtige Rolle spielt der Vogelkot. Seevögel nehmen bei ihrer Nahrungssuche auf dem Meer Nährstoffe auf und transportieren diese zurück auf ihre Brutinseln. Dort gelangen sie über den Kot in den Boden und teilweise weiter ins Meer. Davon profitieren sowohl die Pflanzen an Land als auch die Korallen und Fische in den umliegenden Riffen.

Besonders interessant ist die Wirkung auf die Inseln selbst. Die zusätzlichen Nährstoffe fördern das Wachstum der Korallen, deren Kalkskelette zum Aufbau der Riffe beitragen. Papageifische wiederum tragen bei ihrer Nahrungssuche Kalkmaterial vom Riff ab und produzieren dabei feinen Sand, der an die Küsten gelangen kann. Die Wurzeln der natürlichen Inselvegetation helfen schließlich, das vorhandene Material festzuhalten.

Die Forschenden konnten diese Zusammenhänge tatsächlich quantitativ erfassen. An den untersuchten Riffen im Chagos-Archipel war das geschätzte Wachstumspotenzial auf der Lagunenseite vor rattenfreien Inseln mit großen Seevogelkolonien etwa 1,8-mal so hoch wie vor Inseln mit eingeschleppten Ratten. Auch die mögliche Sandproduktion war dort mehr als doppelt so hoch.

Warum gerade Ratten? Die eingeschleppten Nagetiere fressen Eier und Jungvögel und können Seevogelkolonien ganz erheblich dezimieren. Werden sie von den Inseln entfernt und natürliche Wälder wiederhergestellt, könnten sich die Vogelbestände erholen und damit auch die ökologischen Prozesse, die zum Erhalt der Inseln selbst beitragen.

Faszinierend, nicht wahr? Ganz ehrlich, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich hoffe, ich konnte euch auch zum Staunen bringen.

Quelle Graham et al. (2026), Science Advances
“Seabirds and native vegetation drive ecosystem processes that support atoll island resilience”

doi.org/10.1126/…

insel korallen ökologie science leibniz
+6 Less tropen zmt biologie wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt mehrere Papageifische, die über einem Korallenriff im türkisblauen Wasser schwimmen. Besonders auffällig sind die kräftigen Körper und die unterschiedlichen Färbungen der Fische. Einige zeigen leuchtend blaue und grüne Farbtöne, andere sind eher orange oder rötlich gefärbt und besitzen feine Muster auf ihren Schuppen. Papageifische verdanken ihren Namen den schnabelartig verwachsenen Zähnen, mit denen sie unter anderem Algen von Korallen und Kalkgestein abschaben. Dabei nehmen sie auch Kalkmaterial auf, das sie später als feinen Sand wieder ausscheiden. Dieser Sand kann an die Küsten gelangen und so zum Erhalt tropischer Koralleninseln beitragen. Eine neue Studie zeigt, dass auch Seevögel dabei eine wichtige Rolle spielen, weil ihr nährstoffreicher Kot das Wachstum der Korallenriffe und damit den Lebensraum der Papageifische fördern kann. Das Foto wurde von Marleen Stuhr vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung aufgenommen. Die zugehörige Studie ist am Ende des Haupttextes verlinkt.
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Doppelband-Regenpfeifer

Allein wegen seines Namens hat dieser niedliche Vogel schon einen Beitrag verdient, finde ich. Aber auch sein Zugverhalten ist interessant.

Der kleine Watvogel brütet ausschließlich in Neuseeland, doch nicht alle Tiere verbringen dort das ganze Jahr. Schätzungsweise 70 Prozent fliegen nach der Brutzeit fast 3.000 Kilometer über die Tasmanische See, um in Australien zu überwintern. Vor allem Vögel aus den raueren Binnenregionen der neuseeländischen Südinsel unternehmen diese Reise.

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz hat nun Hinweise darauf gefunden, dass sich dieses Zugverhalten verändert.

Die Forschenden werteten dafür Vogelbeobachtungen aus, die zwischen 2014 und 2025 auf der Citizen-Science-Plattform eBird gesammelt wurden.

Anhand der zeitlichen Verteilung der Sichtungen schätzten sie, wann die Regenpfeifer in ihren australischen Überwinterungsgebieten eintreffen und wann sie diese wieder verlassen.

Dabei zeigte sich eine deutliche Verschiebung. Im Durchschnitt kamen die Vögel jedes Jahr etwa vier Tage später in Australien an. Der Zeitpunkt ihrer Rückreise nach Neuseeland veränderte sich dagegen nicht erkennbar. Damit verkürzte sich die geschätzte Aufenthaltsdauer in Australien innerhalb von elf Jahren von etwa 173 auf 129 Tage.

Die Forschenden vermuten einen Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Seit Jahrzehnten verschiebt sich die Westwindzone rund um die Antarktis zunehmend nach Süden. Für Neuseeland bedeutet das insbesondere in den südlichen Regionen häufiger ruhigeres und milderes Wetter. Tatsächlich trafen die Regenpfeifer vor allen Dingen in Jahren mit entsprechenden Wetterbedingungen später in Australien ein.

Eine lange Wanderung lohnt sich für Zugvögel vor allem dann, wenn die Vorteile die Kosten und Risiken überwiegen. Werden die Winter in Neuseeland milder, könnte es für immer mehr Doppelband-Regenpfeifer günstiger sein, dort zu bleiben.

So scheint es sogar möglich, dass die Wanderung nach Australien langfristig weitgehend verschwindet. Ob einzelne Vögel ihr Verhalten verändern oder sich die Zusammensetzung der Population verschiebt, untersucht ein Forschungsteam inzwischen mithilfe individuell markierter Tiere.

Auch bei unseren heimischen Zugvögeln verändert der Klimawandel längst das Verhalten. Was wir hier beobachten, geschieht auch auf anderen Kontinenten. Weltweit verändern sich mit den klimatischen Bedingungen die Wanderungen vieler Tierarten, die sich über lange Zeiträume entwickelt haben.

Quelle Jarayseh et al. (2026), Ibis
« A rapid shift in migration schedule of an Austral shorebird is linked to a changing southern climate oscillation »

doi.org/10.1111/…

vogel ornithology citizenscience klima biologie
+5 Less birdphotography australien wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine Nahaufnahme eines Doppelbad-Regenpfeifers. Dabei zeigt sich das namensgebende Muster in Form von zwei Streifen, einem dunkelbraunen und einem rotbraunen über dem ansonsten schneeweißen Brust- und Halsgefieder des kleinen Vogels. Kopf und Rücken erscheinen in einem etwas helleren Braunton. Der Schnabel ist kurz und spitz, was auf die Ernährungsweise des Tieres einen Hinweis gibt. Wie auch andere Watvögel ernährt sich der Doppelband-Regenpfeifer hauptsächlich von Wirbellosen, also Würmer, Insekten oder kleinen Krebstieren. Da diese Nahrung nicht das ganze Jahr gleichermaßen verfügbar ist,  hat sich eine Wanderroute von Neuseeland nach Australien etabliert. Die Notwendigkeit dieser Reise verschiebt sich allerdings durch den Klimawandel und verschwindet womöglich eines Tages sogar ganz. Das Foto wurde von Bashar Jarayseh aufgenommen, der Erstautor der Studie ist, die am Ende des Haupttextes verlinkt ist.
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Proteinkarten für alle

Die Proteomik beschäftigt sich mit der Gesamtheit der Proteine, die beispielsweise in einer Zelle oder einem Gewebe vorkommen.

Dabei ist nicht nur interessant, welche Proteine vorhanden sind und in welchen Mengen, sondern auch, wo genau sie sich befinden. Unser Verständnis für das Zusammenspiel auf immer kleineren Ebenen wird dadurch immer besser.

Mit einem Verfahren namens Deep Visual Proteomics (DVP) lassen sich Tausende Proteine in ausgewählten Zellen eines Gewebes untersuchen. Dazu kombinieren die Forschenden mikroskopische Aufnahmen mit künstlicher Intelligenz und Massenspektrometrie.

So können sie nicht nur bestimmen, welche Proteine in welchen Mengen vorkommen, sondern die Ergebnisse auch den ursprünglichen Positionen der Zellen im Gewebe zuordnen.

Ein Forschungsteam vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin hat dieses Verfahren nun weiterentwickelt. Die neue Plattform openDVP ist frei zugänglich und soll die aufwendige Analyse erleichtern.

Eine wichtige Neuerung ist die gezielte Untersuchung von Zellnachbarschaften. Statt einzelne Zellen auszuschneiden und getrennt zu untersuchen, können die Forschenden nun auch zusammenhängende Gewebebereiche mit mehreren benachbarten Zellen gemeinsam analysieren. Die dafür entwickelte Strategie beschleunigt die Probenentnahme laut Studie um etwa das 100-fache.

Noch ist openDVP vor allem ein Forschungswerkzeug. Langfristig könnte die Methode jedoch helfen, Krankheitsprozesse auf molekularer Ebene besser zu verstehen.

Gerade bei Krebs ist es z.B. wichtig, nicht nur einzelne Tumorzellen zu untersuchen, sondern auch ihre Wechselwirkungen mit den umliegenden Zellen. Solche Erkenntnisse könnten beispielsweise erklären, weshalb bestimmte Tumoren auf eine Behandlung ansprechen und andere eben nicht. Mit diesem Wissen könnte man Therapien immer weiter verfeinern und individuell anpassen.

Quelle
Nimo et al., Nature Methods, 2026
„OpenDVP: an experimental and computational framework for community-empowered deep visual proteomics”

doi.org/10.1038/…

proteomics nature methods helmholtz medizin
+6 Less molekular krebsforschung biologie wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine farbenprächtige Multiplex-Immunfluoreszenzaufnahme, die vom Max Delbrück Center für die Presseberichte zu dieser Studie zur Verfügung gestellt wurde. Die Darstellung ist durchaus kunstvoll, allerdings auch etwas unklar. Eine wirklich informative Bildbeschreibung dazu gibt es nämlich leider nicht.
Vermutlich handelt es sich um die mikroskopische Aufnahme eines Gewebeschnitts, möglicherweise aus einem Tumor. Auf der linken Seite sind zahlreiche rot, grün, gelb, violett und blau leuchtende Strukturen zu erkennen. Die Farben entstehen durch fluoreszierende Markierungen, mit denen bestimmte Proteine im Gewebe sichtbar gemacht werden. Welche Proteine hier genau markiert wurden, ist leider nicht angegeben.
Nach rechts geht die Aufnahme allmählich in eine computergestützte Darstellung über. Dort sind die einzelnen Zellen durch schwarze Umrisse voneinander abgegrenzt und unterschiedlich eingefärbt. Das veranschaulicht die sogenannte Zellsegmentierung, bei der eine Software die Zellen im Mikroskopiebild erkennt und voneinander unterscheidet.
Was die vielen Farben im Einzelnen bedeuten, bleibt offen. Es ist kleines biologisches Ratespiel, aber hübsch anzusehen ist es trotzdem. Und es veranschaulicht die vorgestellte Methodik auch ohne erschwerende Details.
AnySci - Wissenschaft für Jedermann @anysci mastodon.de

Ein Schwimmer aus dem Jura

Vor rund 165 Millionen Jahren lebte im heutigen China ein kleiner, pelziger Jäger, der sich auf die Nahrungssuche im Wasser spezialisiert hatte.

Mit einer Körperlänge von etwa 50 Zentimetern und einem Gewicht von rund zwei Kilogramm gehörte er zu den größten bekannten Säugetiervorläufern seiner Zeit. Man könnte ihn sich in etwa wie einen Otter vorstellen, der Eier legt.

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Bonn hat über 10 Jahre ein außergewöhnlich gut erhaltenes Fossil untersucht und diese neue Art beschrieben.

Sie gaben ihm den Namen Megacauda sungei. Namensgebend war neben dem “großen Schwanz” des Fossils eine Würdigung von Professor Sun Ge, die unter anderem Ehrendirektorin des Paläontologischen Museums von Liaoning ist.

Die Ergebnisse der langen Analyse wurden in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Megacauda gehörte zu den Docodonten, einer ausgestorbenen Gruppe früher Säugetierverwandter.

Mithilfe von Computertomographie und anatomischen Vergleichen rekonstruierten die Forschenden seine Lebensweise. Der abgeflachte Schwanz und die besonderen Gliedmaßen lassen vermuten, dass das Tier mit den Vorderbeinen paddelte und den Schwanz zur Fortbewegung einsetzte. Nach hinten gebogene Zahnspitzen halfen vermutlich dabei, glitschige Beutetiere festzuhalten.

Die eigentlich spannende Entdeckung betrifft jedoch den Rachenraum. Bei heutigen Säugetieren ermöglichen das Gaumensegel und ein komplexer Zungenbeinapparat das kontrollierte Schlucken, ohne dass Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege gelangen. Diese Fähigkeit ist besonders wichtig für Jungtiere, die Muttermilch saugen.

Bei Megacauda fanden die Forschenden knöcherne Strukturen, die auf einen bereits weit entwickelten Schluckapparat schließen lassen. Demnach könnten wesentliche anatomische Voraussetzungen für das Saugen und Schlucken schon bei den gemeinsamen Vorfahren der Docodonten und der heutigen Säugetiere entstanden sein.

Das Fossil liefert damit wichtige Hinweise darauf, wie sich der für Säugetiere charakteristische Mund-Rachen-Raum entwickelte.

Gleichzeitig zeigt der Fund, wie vielfältig die frühen Säugetierverwandten bereits im Jura waren. Während einige Docodonten auf Bäumen oder unter der Erde lebten, hatte Megacauda den Lebensraum Wasser erschlossen.

Ich finde solche Einblicke in die ferne Vergangenheit der Erde immer weder unglaublich spannend. Als würde man einen anderen Planeten bestaunen.

Quelle:
Li et al., 2026, Nature
“A Jurassic mammaliaform swimmer and transformation of the mammalian pharynx”
doi.org/10.1038/…

paläontologie evolution säugetiere fossilien jura
+6 Less nature planet biologie wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine dreiteilige Abbildung des rund 165 Millionen Jahre alten Fossils von Megacauda sungei. Links ist eine Fotografie des versteinerten Tieres. Neben der Körperform mit dem markanten Schwanz sind einige Rippenabdrücke im Stein deutlich erkennbar. Deutlicher wird eis bei der zweiten Abbildung. Dabei handelt es sich um eine farbige Röntgenfluoreszenz-Aufnahme. Das Skelett ist gelb dargestellt, Fell und Weichteile dunkelgrau und das umgebende Sediment türkis. Ganz rechts ist eine eine anatomische Umzeichnung des Skeletts mit Beschriftung der wichtigsten Knochen. Die Abbildung stammt aus der Publikation von Li und Kollegen in Nature und darf für die Berichterstattung über die Forschungsarbeit verwendet werden. Die Studie ist am Ende des Haupttextes verlinkt.
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Abwasser als Lebensraum

Kläranlagen gelten als technische Einrichtungen, doch biologisch sind sie hochkomplex und stellen im Grunde ein eigenes Ökosystem dar.

Milliarden Mikroorganismen arbeiten dort täglich daran, Schadstoffe aus Abwasser zu entfernen, damit wir wieder sauberes Wasser haben. Tatsächlich sind aber längst nicht alle Mikroorganismen und ihre Aufgaben in diesem komplexen Ökosystem bekannt.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie hat nun gezeigt, dass spezialisierte Bakterien, die im Inneren einzelliger Wimperntierchen (Ciliaten) leben, in Kläranlagen weltweit verbreitet sind und dort Aufgaben übernehmen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben.

Diese endosymbiotischen Bakterien übernehmen in ihrem Wirt zentrale Stoffwechselaufgaben und agieren ähnlich wie Mitochondrien: Sie liefern Energie. Allerdings auf einen durchaus ungewöhnlichen Weg.

Die Symbionten nutzen dafür Nitrat, das bei der biologischen Abwasserreinigung aus Ammonium entsteht. Bei der sogenannten Denitrifikation reduzieren sie das Nitrat schrittweise zu gasförmigen Stickstoffverbindungen. Viele dieser Bakterien können den Prozess bis zum harmlosen Stickstoffgas (N₂) fortführen und so zur Stickstoffentfernung beitragen.

In etwa der Hälfte der weltweit untersuchten Kläranlagen ließen sich solche Partnerschaften nachweisen. Damit sind sie offenbar ein bislang übersehener, aber funktionell relevanter Teil des Abwasser-Mikrobioms.

Doch die Studie zeigt auch eine problematische Seite. Bei der weltweit verbreiteten Art Candidatus Azoamicus parvus fehlt das Enzym, mit dem das Zwischenprodukt Lachgas zu Stickstoffgas reduziert wird.

Die Forschenden vermuten deshalb, dass diese Bakterien Lachgas freisetzen könnten, ein starkes Treibhausgas. Ausgerechnet eine Symbiose, die am Stickstoffabbau beteiligt ist, könnte somit auch zur Klimabelastung beitragen. Wie groß dieser Beitrag tatsächlich ist, bleibt allerdings noch ungeklärt.

Die Ergebnisse machen deutlich, wie eng Nutzen und Nebenwirkungen mikrobieller Prozesse miteinander verknüpft sein können und gleichzeitig, wie erstaunlich wenig wir über die detaillierten Prozesse bescheid wissen. Hier muss offensichtlich noch einigen an Wissen und Verständnis gewonnen werden, damit diese biochemischen Kreisläufe am Ende auch wirklich nachhaltig genutzt werden können.

Es bleibt also noch so einiges zu erforschen!

📖 Nicolas-Asselineau et al. (2025), ISME Communications

doi.org/10.1093/…

mikrobiologie biologie kläranlage abwasser MPI
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Das Bild zeigt die fluoreszenzmikroskopische Aufnahme eines etwa 20 Mikrometer großen, länglich-ovalem Wimperntierchen (Ciliat) aus der Kläranlage Seehausen in Bremen. Der EInzeller ist violett markiert. In seinem Inneren sind zahlreiche gelb fluoreszierende Bakterien zu erkennen, die als Endosymbionten in der Zelle leben. Ein Endosymbiont ist ein Organismus, der im Inneren eines anderen Organismus oder lebt und mit seinem Wirt eine enge Lebensgemeinschaft bildet. Die türkisblau leuchtende Farbe ist die mit DAPI angefärbte DNA. Sie zeigt somit den Zellkern des Wimperntierchens, der frei von Bakterien ist. Blaufärbungen im Hintergrund deuten außerdem auf andere Einzeller hin, die aber keine Wimperntierchen sind, sonst wären sie violett, und auch keine dieser Bakterien enhalten, sonst wären sie gelb gefleckt. Die Aufnahme entstand mithilfe der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH), bei der spezifische Gensonden die Wirtszelle und ihre bakteriellen Symbionten sichtbar machen. Sie stammt aus der Publikation, die am Ende des Haupttextes verlinkt ist.
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Alpine Moore

Zwischen steilen Berghängen und in abgelegenen Tälern der Alpen liegen zahlreiche kleine Moore. Viele davon sind nur wenige Hektar groß. Dabei sind sie ökologisch ausgesprochen wertvoll.

In ihren wassergesättigten Böden haben sich über Jahrtausende Torfschichten gebildet, die große Mengen Kohlenstoff speichern. Zudem bieten sie spezialisierten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.

Doch wie geht es diesen Mooren heute? Weil sie verstreut und schwer zugänglich sind, fehlen vielerorts aktuelle Informationen über ihren Zustand.

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Göttingen hat deshalb ein Verfahren entwickelt, um alpine Moore mithilfe von Satellitendaten zu erfassen.

Dafür kombinierten die Forschenden Satellitendaten aus den Jahren 2019 bis 2023 mit Informationen über das Gelände. Neben optischen Aufnahmen, die unter anderem Rückschlüsse auf die Vegetation ermöglichen, nutzten sie auch Radardaten, die Informationen über die Oberflächenstruktur und Feuchtigkeit liefern.

Ein Computermodell sollte anhand dieser Daten dann Moorflächen identifizieren. Anschließend verglichen die Forschenden die Ergebnisse für 590 Moore in Österreich, Deutschland und der Schweiz mit amtlichen Moorkarten.

Dabei zeigte sich, dass das Modell viele Moore deutlich kleiner erfasste als sie bislang kartiert waren. Hochauflösende Luftbilder lieferten mögliche Erklärungen.

An 86 Prozent der untersuchten Standorte waren Hinweise auf Störungen erkennbar, darunter Entwässerungsgräben, Straßen und Wege. Aich konnte an vielen Stellen eine Ausbreitung von Bäumen und Sträuchern erkennbar werden.

Besonders diese veränderte Vegetation ist aufschlussreich. Denn sinkt der Wasserstand eines Moores, können typische Moorpflanzen verdrängt werden.

Gleichzeitig gelangt Sauerstoff in den Torf, wodurch dessen Zersetzung beschleunigt wird und gespeicherter Kohlenstoff als CO₂ freigesetzt werden kann. Aus einer Kohlenstoffsenke kann das Moor so zu einer CO₂-Quelle werden.

Die kleineren, vom Modell ermittelten Moorflächen belegen allerdings nicht zwangsläufig einen tatsächlichen Flächenverlust. Auch Unterschiede zwischen den Kartierungsmethoden könnten eine Rolle spielen.

Dass die Abweichungen gerade dort besonders deutlich sind, wo sichtbare Beeinträchtigungen vorliegen, deutet jedoch darauf hin, dass sich der Zustand vieler Moore tatsächlich verändert hat und die bisherigen Karten diese Veränderungen nicht ausreichend abbilden bzw. einfach veraltet sind.

Das neue Verfahren könnte künftig helfen, diese abgelegenen Moore besser im Blick zu halten und Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen besser zu planen und untereinander zu vernetzen.

Quelle:
Schönauer et al. (2026), communications earth & environment, “Peatlands mapped across the European Alps with a harmonised multi-sensor workflow show widespread degradation”

doi.org/10.1038/…

alpen biologie natur naturschutz moor
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Das Foto zeigt eine alpine Moorlandschaft mit einer weitgehend offenen, von goldbraunen Sauergräsern geprägten Vegetation. Im Vordergrund liegt eine kleine, flache Wasserfläche, deren Rand von rötlich-brauner Moorvegetation umgeben ist. Vereinzelt wachsen niedrige Sträucher auf der Moorfläche, die aus der Distanz jedoch nicht genauer zu erkennen sind. Im Hintergrund geht die offene Vegetation in einen lichten Nadelbaumbestand über, in dem einzelne gelb verfärbte Lärchen zu erkennen sind. Am Horizont sind Alpengipfel zu sehen. Das Foto wurde von Simon Drollinger von der Uni Göttingen aufgenommen, der Mitautor der zitierten Studie ist.
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Mal was anderes:

Ich möchte gerne auf den diesjährigen Biologentag NRW am 14. November aufmerksam machen.

EDIT: Verlängerte Anmeldefrist -> bis zum 06.11.26

In diesem Jahr dreht sich alles um Viren.

Das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Essen stellt dafür dankenswerterweise seine Räumlichkeiten zur Verfügung und beteiligt sich auch fachlich am Programm.

Unter dem Motto „Das geht viral! Herausforderung Viren“ erwarten uns fünf spannende Fachvorträge aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Virologie.

Wie schaffen es manche Viren, sich lebenslang in unserem Körper zu halten? Welche Rolle spielen Virusinfektionen bei der Entstehung von Krebs? Und wie lassen sich Viren sogar gezielt für die Gentherapie nutzen? Auch Pflanzenviren sowie Influenza- und Coronaviren stehen auf dem Programm.

Die Vorträge sind so konzipiert, dass sie auch von nicht-Experten des Faches gut verstanden werden können.

Neben den Vorträgen gibt es Gelegenheit zum persönlichen Austausch. In der Mittagspause erwartet uns ein Buffet, außerdem besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch das Institut für Virologie teilzunehmen. Gerade solche Einblicke in die Forschung vor Ort finde ich immer besonders interessant.

Der Biologentag wird vom VBIO-Landesverband NRW veranstaltet und richtet sich nicht nur an Biologinnen und Biologen, sondern an alle, die sich für biologische Forschung interessieren.

Meldet euch bei Interesse bitte bis zum 2. November an unter:
vbio.de/nrw

Die Teilnahme ist kostenpflichtig, für Studierende oder Referendare gibt es einen ermäßigten Beitrag. Neben diesem Beitrag entstehen keine weiteren Kosten. Es ist für alles gesorgt.

Vielleicht sehen wir uns ja dort. Ich würde mich freuen!

biologentag veranstaltung savethedate NRW vbio
+8 Less virologie biologie Wissenschaft lehrer students wisskomm essen anysci
Das Bild zeigt das Ankündigungsplakat für den Biologentag NRW 2026 unter dem Motto „Das geht viral! Herausforderung Viren“. Vor einem türkisblauen Hintergrund sind mehrere dreidimensional dargestellte Viruspartikel zu sehen. Im Vordergrund befindet sich ein besonders großes, kugelförmiges Virus mit zahlreichen Fortsätzen. Darüber stehen die Veranstaltungsdaten. Der Biologentag findet am Samstag, 14. November 2026, ab 9 Uhr am Universitätsklinikum Essen statt. EIne verbindliche Anmeldung ist bis zum 2. November über www.vbio.de/nrw möglich. Unten rechts befinden sich die Logos des VBIO und des Instituts für Virologie Essen.
Dieses Bild zeigt die erste Seite des Veranstaltungsprogramms für den Biologentag NRW 2026. Auf dunkelblauem Hintergrund sind die Programmpunkte in zwei Spalten dargestellt. Das Programm am Vormittag ust das Folgende:
- 09:00 Uhr – Eintreffen und Registrierung der Teilnehmenden.
- 10:00 Uhr – Grußwort und Vorstellung des VBIO durch LRSD’ a. D. Marga Radermacher, Vorsitzende des VBIO-Landesverbandes NRW, Mitglied des Präsidiums und Vizepräsidentin des VBIO.
- 10:15 Uhr – Vorstellung des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen durch dessen Direktor Prof. Dr. Ulf Dittmer.
- 10:30 Uhr – Fachvortrag 1 „Chronische Virusinfektionen: Wie verstecken sich Viren lebenslang im Körper?“ von Prof. Dr. Ulf Dittmer, Universitätsklinikum Essen.
- 11:15 Uhr – Pause.
- 11:30 Uhr – Fachvortrag 2 „Grüne Patienten: Wie Viren Pflanzen krank machen“ von Dr. Annette Niehl, Julius Kühn-Institut, Braunschweig.
- 12:15 Uhr – Fachvortrag 3 „Viren und Krebs: Wie Infektionen Tumore begünstigen“ von Prof. Dr. Dr. Ralf Bartenschlager, Abteilung für Infektionskrankheiten, Universität Heidelberg.
Dieses Bild zeigt die zweite Seite des Veranstaltungsprogramms für den Biologentag NRW 2026. Das Programm am Nachmittag ist wie folgt vorgesehen:
- 13:00 Uhr – Mittagspause mit Buffet und Gelegenheit zu Führungen durch das Institut für Virologie.
- 14:45 Uhr – Fachvortrag 4 „Gentherapie und Viren: Das Unheilbare heilbar machen?“ von Prof. Dr. Anja Ehrhardt, Lehrstuhl für Virologie und Mikrobiologie, Universität Witten/Herdecke.
- 15:30 Uhr – Fachvortrag 5 „Influenza- und Coronaviren: Zwischen Erkältung, Zoonose und Pandemiepotenzial“ von Prof. Dr. Stephan Ludwig, Institut für Molekulare Virologie, Universität Münster.
- 16:15 Uhr – Pause.
- 16:30 Uhr – Mitgliederversammlung des VBIO. Gäste sind herzlich willkommen.
- 17:30 Uhr – Verabschiedung.
Links unten befindet sich ein rotes Feld mit den Teilnahmebedingungen. Zur Deckung der Unkosten werden folgende Beiträge erhoben: Mitglieder 20 Euro, Nichtmitglieder 30 Euro, Referendarinnen und Referendare 15 Euro sowie Studierende 10 Euro. Es entstehen keine weiteren Kosten an dem Tag.
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Wandernde Zellen

Unsere Körperzellen können ihre Form verändern und sich aktiv fortbewegen. So wandern beispielsweise bestimmte Immunzellen durch unser Gewebe, um Krankheitserreger aufzuspüren und zu bekämpfen.

Möglich macht das unter anderem ein dynamisches Gerüst aus Proteinen, das sogenannte Zytoskelett. Doch wann ist diese Fähigkeit im Laufe der Evolution entstanden?

Neue Erkenntnisse liefert eine Studie über die sogenannten Asgard-Archaeen. Diese einzelligen Mikroorganismen gehören zu den Archaeen, die neben Bakterien und Eukaryoten eine der drei großen Reiche des Lebens bilden.

Genetisch stehen Asgard-Archaeen den Eukaryoten, zu denen auch wir Menschen zählen, besonders nahe. Deshalb sind sie für die Erforschung der Entstehung komplexer Zellen von großer Bedeutung.

Bereits bekannt war, dass Asgard-Archaeen Gene für Proteine besitzen, die auch am Zytoskelett unserer Zellen beteiligt sind. Ein internationales Forschungsteam aus Österreich, Deutschland und Japan untersuchte nun zwei Vertreter dieser Gruppe mithilfe von Lebendzellmikroskopie, um ihre Beweglichkeit genauer zu erforschen.

Dabei beobachteten die Forschenden, wie die Archaeen lange, dünne Zellfortsätze ausbildeten, die sich innerhalb weniger Minuten verlängerten, verzweigten und wieder zurückzogen.

Mithilfe dieser Fortsätze konnten sie sich aktiv über Glasoberflächen bewegen. Teilweise hefteten sich die Fortsätze am Untergrund fest und zogen anschließend den Zellkörper nach.

Weitere Experimente zeigten, dass dabei ein Aktin-ähnliches Protein namens Lokiactin eine zentrale Rolle spielt. Wurde dessen Funktion durch bestimmte Wirkstoffe gestört, kamen die Zellen zum Stillstand.

Diese Entdeckung ist tatsächlich für das Verständnis der Evolution interessant.

Nach gängigen Modellen entstanden die ersten Eukaryoten aus einer engen Verbindung zwischen einem archaeellen Vorfahren und einem Bakterium, das innerhalb dessen lebte. Aus diesem „einverleibten“Bakterium entwickelten sich dann die Mitochondrien (Endosymbiontentheorie).

Die Fähigkeit, bewegliche Zellfortsätze auszubilden, könnte bereits bei diesem archaeellen Vorfahren vorhanden gewesen sein.

Wie diese Verbindung vor rund zwei Milliarden Jahren tatsächlich entstand, ist bis heute ungeklärt. Die neuen Beobachtungen legen jedoch nahe, dass schon die archaeellen Vorfahren unserer Zellen bewegliche Fortsätze besaßen, mit denen sie möglicherweise auch Kontakt zu anderen Mikroorganismen aufnehmen konnten.

Quelle:
Radler et al. (2026), Nature
“Dynamic protrusions mediate crawling motility in Asgard archaea”

doi.org/10.1038/…

Tip: Videos im supplementary material

archaeen evolution zelle biologie nature
+4 Less uniwien wissenschaft wisskomm anysci
Die Abbildung zeigt sechs aufeinanderfolgende mikroskopische schwarz-weiß Aufnahmen des Asgard-Archaeons Lokiarchaeum ossiferum im Abstand von jeweils drei Minuten. In der Mitte jeder Aufnahme ist der kleine, dunkle Zellkörper zu erkennen, von dem mehrere dünne, fadenförmige Fortsätze ausgehen. Im Verlauf der 15 Minuten verlängern sich diese Fortsätze, verändern ihre Ausrichtung und bilden teilweise Verzweigungen.
Die Aufnahmen entstanden mithilfe der Phasenkontrastmikroskopie, bei der lebende, ungefärbte Zellen sichtbar gemacht werden können. Die Zelle selbst befindet sich auf einer Glasoberfläche, an der sie sich mit ihren Fortsätzen anheftet und langsam daran entlang wandert.
Im Innern dieser Fortsätze befindet sich ein Gerüst aus Filamenten des Proteins Lokiactin, das mit dem Aktin unserer eigenen Zellen verwandt ist. Durch den dynamischen Umbau dieses Gerüsts können die Archaeen ihre Zellform verändern und sich über Oberflächen bewegen. Die Bildfolge veranschaulicht die Ausbildung und Veränderung der Fortsätze. Sie stammt aus der Arbeit, die Radler und Kollegen in Nature publiziert haben. Die Studie ist am Ende des Haupttetes verlinkt.
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Ewiges Leben?

Im Laufe unseres Lebens altern nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Zellen. Dabei verändern sich zahlreiche Prozesse im Zellinneren, und manche dieser Veränderungen lassen sich sogar an der DNA ablesen. Doch sind solche Alterungsprozesse unumkehrbar?

Dieser Frage ist ein Forschungsteam der Universität Bonn und des Universitätsklinikums Bonn nachgegangen.

Die Forschenden nutzten sogenannte Transkriptionsfaktoren, also Proteine, die beeinflussen, welche Gene in einer Zelle abgelesen werden. Damit programmierten sie Vorläufer roter Blutkörperchen aus dem Blut von Spendern direkt in neurale Stammzellen um, aus denen später unter anderem Nervenzellen entstehen können.

Dabei beobachteten sie einen bemerkenswerten Effekt. Während der Umwandlung wurden auch die epigenetischen Uhren der Zellen zurückgestellt. Diese umfassen z.B. bestimmte chemische Markierungen an der DNA, die sich mit zunehmendem Alter verändern.

Aus den Blutzellen eines 80-jährigen Menschen entstanden so Stammzellen mit einem errechneten epigenetischen Alter von unter 20 Jahren. Auch verschiedene typische Merkmale der Zellalterung waren anschließend kaum noch nachweisbar.

Anders als bei anderen Umprogrammierungsverfahren erfolgte die Verjüngung hier schrittweise über mehrere Wochen. Nach etwa 50 Tagen waren die meisten untersuchten altersabhängigen epigenetischen Veränderungen verschwunden.

Dadurch lässt sich im nächsten Schritt der Prozess genauer untersuchen und möglicherweise herausfinden, welche Mechanismen ihn steuern.

Noch ist das Ganze reine Grundlagenforschung an Zellkulturen, doch langfristig könnten solche Erkenntnisse helfen, altersbedingte Erkrankungen besser zu verstehen und womöglich sogar irgendwann von der Ursache her zu behandeln.

Ich finde diese Forschung gleichermaßen faszinierend und unheimlich. Die Aussicht, eines Tages gesundheitsbedingte Einschränkungen des Alters immer weiter und weiter hinauszuzögern, ist natürlich verlockend. Aber wenn wir immer besser verstehen, wie sich biologische Alterungsprozesse beeinflussen lassen, stellen sich irgendwann auch grundsätzliche Fragen. Wollen wir eigentlich ewig leben? Und wer bestimmt darüber, wer ewig leben kann?

Quelle:
Berg et al. (2026), Aging Cell
„Protracted Fate Acquisition and Epigenetic De-Aging
During Induced Neural Stem Cell Conversion of Human
Blood Cells“

doi.org/10.1111/…

ageing alter unibonn cell stammzellen
+4 Less biologie wissenschaft wisskomm anysci
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Kopfüber in die Fluten

Basstölpel sind beeindruckende Jäger. Auf der Suche nach Fischen stürzen sie sich aus der Luft kopfüber ins Meer und erreichen dabei Geschwindigkeiten von bis zu 110 km/h. Zum Vergleich: Ein Turmspringer erreicht beim Sprung von der Zehn-Meter-Plattform etwa 50 km/h (das sagt jedenfalls Google).

Beim Auftreffen auf die Wasseroberfläche wirken enorme Kräfte auf Kopf und Hals. Wie überstehen die Vögel diese Belastung, ohne sich dabei schwer zu verletzen?

Ein Forschungsteam der University of Washington hat untersucht, welche Rolle die Halswirbelsäule dabei spielt. Dafür analysierten die Forschenden die Skelette von 15 Vögeln aus sieben Arten, darunter Basstölpel, Tölpel, Eisvögel und Kormorane. Mithilfe hochauflösender Computertomografie erstellten sie dreidimensionale Modelle der Halswirbel und verglichen deren Form und Aufbau.

Die untersuchten Arten nutzen unterschiedliche Jagdstrategien. Während Tölpel und Eisvögel ihre Beute durch einen kopfüber ausgeführten Sturzflug ins Wasser verfolgen, tauchen Kormorane von der Wasseroberfläche aus ab und schwimmen unter Wasser ihrer Beute hinterher. Dabei erreichen die Vögel ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten und ihre Halswirbelsäulen sind entsprechend verschiedenen Belastungen ausgesetzt.

Die Analyse zeigte deutliche Unterschiede im Knochenbau zwischen den verschiedenen Tauchstrategien.

Vögel, die sich kopfüber ins Wasser stürzen, besitzen vergleichsweise kurze, breite und kräftige Halswirbel mit vergrößerten Gelenkflächen. Diese Bauweise kann helfen, die beim Aufprall entstehenden Kräfte auf eine größere Fläche zu verteilen und ein gefährliches Abknicken der Halswirbelsäule zu verhindern.

Besonders ausgeprägt ist diese Anpassung bei den schnell tauchenden Tölpeln. An den vorderen Halswirbeln entdeckten die Forschenden sogar zusätzliche Gelenkflächen, die bei den untersuchten Kormoranen und Eisvögeln komplett fehlen. Sie könnten die Beweglichkeit des Halses beim Aufprall gezielt begrenzen und dadurch für zusätzliche Stabilität sorgen.

Interessant ist dabei, dass die Halswirbelsäule nicht einfach möglichst starr sein darf. Ihre natürliche Krümmung ermöglicht es, einen Teil der Belastung wie eine Feder abzufangen. Ein bischen wie bei der S-Form unserer Wirbelsäule.

Gleichzeitig müssen die einzelnen Wirbel stabil genug sein, um den enormen Kräften standzuhalten. Entscheidend ist also das Zusammenspiel von Beweglichkeit und Stabilität.

Insgesamt zeigt sich hier ein tolles Beispiel für den engen Zusammenhang zwischen Anatomie und Lebensweise. Und falls mal die Frage aufkommt, wie man denn an Dinoknochen Rückschlüsse auf deren Lebensweise ziehen kann, konnte hier vielleicht eine Idee vermittelt werden, wie das grundsätzlich funktionieren kann.

Quelle:
Vandenberg et al. (2026), The Anatomical Record
“Morphological adaptations of cervical vertebrae in plunge-diving sulids”

doi.org/10.1002/…

biologie ornithologie vogel evolution anatomie
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Das Bild zeigt einen Basstölpel im Sturzflug unmittelbar über der Meeresoberfläche. Der Kopf des Vogels ist fast senkrecht nach unten gerichtet. Seine Flügel sind eng an den Körper angelegt und nach hinten angewinkelt. Auf diese Weise kann der Vogel Geschwindigkeiten von über 100 Kilometer in der Stunde erreichen. Nach dem Eintauchen können Basstölpel mehrere Meter tief unter die Wasseroberfläche gelangen. Häufig nutzen sie den Schwung ihres Sturzflugs, um unter einen Fischschwarm zu gelangen. Anschließend können sie mit ihren Flügeln unter Wasser weiter schwimmen und Fische erbeuten, bevor sie wieder auftauchen. Das Foto stammt von Olivier Dugornay und ist unter CC BY 4.0 über Wikimedia Commons veröffentlicht. Ich fand es ganz passend zu der Studie. In der Publikation, die ich am Ende de Haupttextes verlinkt habe, finden sich interessante Bilder der verschiedenen Halswirbel, die ich leider aus rechtlichen Gründen hier nicht so verwenden darf. Schaut sie euch bei Interesse gerne mal an.
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Ein entscheidender Minivorrat

Damit unser Gehirn lernen und sich an neue Erfahrungen anpassen kann, müssen sich die Verbindungen zwischen Nervenzellen, die Synapsen, verändern können. Wissenschaftler sprechen von synaptischer Plastizität.

Dafür benötigen sie bestimmte Proteine und das innerhalb kürzester Zeit. Wie aber wird diese Ressource gewährleistet, wenn doch die Synapse meist sehr weit weg vom Zellkörper liegt, dem Ort, wo die Proteine hergestellt werden?

Eine bekannte Lösung besteht darin, nicht die fertigen Proteine, sondern ihre Bauanleitungen in Form von Boten-RNAs (mRNAs) in die Fortsätze der Nervenzellen zu transportieren. Dort können die Proteine bei Bedarf direkt vor Ort hergestellt werden.

Welche Rolle dieser Mechanismus in der äußersten Schicht der Großhirnrinde spielt, hat nun ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt untersucht.

Diese Hirnschicht enthält zahlreiche weit verzweigte Fortsätze von Nervenzellen und entsprechend viele Synapsen, aber nur sehr wenige Zellkörper (grün im Bild).

Mithilfe verschiedener molekularbiologischer Methoden konnten die Forschenden nachweisen, dass dort tatsächlich neue Proteine hergestellt werden. Allein an den erregenden Synapsen identifizierten sie mehr als 1.000 (!) unterschiedliche mRNAs. Deren Zusammensetzung unterschied sich deutlich von der in tieferen Schichten der Großhirnrinde, wo eben die Zellkörper liegen.

Das sind mal wieder so Ergebnisse, die mich beinahe ehrfürchtig werden lassen. Wie „durchdacht“ kleinste Anpassungen auf molekularer Ebene sind, damit das Große Ganze, also am Ende wir, bestmöglich funktioniert.

Erst die schnelle Anpassung der Synapsen ermöglicht, dass wir lernen oder Erinnerungen bilden. Ohne diesen mRNA-Vorrat an den Synapsen wäre das mutmaßlich nicht in dieser Qualität möglich. Und wir reden hier über Moleküle im Nanometerbereich. Wahnsinn!

Quelle
Spanò et al. (2026), Cell Reports „ Localized mRNAs and protein synthesis in cortical
layer 1 “

doi.org/10.1016/…

neuroscience gehirn biologie plasticity lernen
+3 Less wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine fluoreszenzmikroskopische Aufnahme eines Ausschnitts der Großhirnrinde. Die Großhirnrinde besteht aus insgesamt sechs Schichten, die sich unter anderem durch die Anzahl, Anordnung und Art ihrer Nervenzellen unterscheiden. Im Bild ist der Übergang von der zweiten zur äußersten, ersten Kortexschicht zu erkennen.
Im unteren Bildbereich liegen zahlreiche dicht gedrängte Nervenzellkörper, die grün angefärbt sind. Weiter oben nimmt ihre Zahl deutlich ab. Die äußerste Schicht enthält nur wenige Nervenzellkörper, dafür aber zahlreiche Fortsätze von Nervenzellen aus tiefer gelegenen Schichten.
Besonders auffällig sind die magentafarbenen Astrozyten. Diese sternförmigen Gliazellen bilden mit ihren zahlreichen feinen Fortsätzen ein weit verzweigtes Netzwerk. Sie übernehmen wichtige Aufgaben bei der Versorgung und Unterstützung der Nervenzellen und beeinflussen auch die Signalübertragung an den Synapsen. Die Zellkerne verschiedener Zelltypen sind cyan gefärbt und erscheinen als kleine, teils ovale Strukturen.
Die unterschiedlichen Farben entstehen durch spezielle Fluoreszenzmarkierungen, mit denen bestimmte Zellbestandteile sichtbar gemacht werden. Das Bild wurde von Teresa Spanò aufgenommen und vom MPI für Hirnforschung in Frankfurt am Main zur Verfügung gestellt.
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Bestäuber für Saatgut

Der Rückgang bestäubender Insekten ist ein enormes Problem für die Landwirtschaft. Denn zahlreiche Kulturpflanzen sind für ihre Fortpflanzung auf Bienen, Hummeln und andere Bestäuber angewiesen.

Das betrifft nicht nur die aktuelle Ernte, sondern auch die Produktion von Saatgut für die folgenden Anbaujahre. Bei Karotten beispielsweise entwickelt sich die essbare Wurzel unabhängig von der Bestäubung, für die Gewinnung neuer Samen werden jedoch Bestäuber benötigt.

Wie groß diese Abhängigkeit ist, hat ein Forschungsteam der Universität Hohenheim genauer untersucht. Dafür werteten sie 116 Studien zu insgesamt 74 landwirtschaftlich wichtigen Kulturpflanzen aus.

Bei 54 Kulturen ließ sich die Abhängigkeit der Saatgutproduktion von tierischen Bestäubern bewerten. Für 17 war sie besonders hoch, für weitere 22 hoch. Dazu gehören neben zahlreichen Gemüsearten auch wichtige Futterpflanzen.

Welche wirtschaftliche Bedeutung das hat, zeigt eine weitere Untersuchung der Forschungsgruppe.

In einer Modellrechnung für Deutschland wurde der jährliche wirtschaftliche Wert der Bestäubungsleistungen auf rund 2,3 Milliarden Euro geschätzt. Wurde die Saatgutproduktion aber mit einbezogen, stieg dieser Wert auf 3,1 Milliarden Euro.

Damit lag er rund ein Drittel höher als bei Berechnungen, die diesen wichtigen Bereich der Landwirtschaft nicht berücksichtigen.

Ein Rückgang der Bestäuber könnte damit weitreichendere Folgen für die Landwirtschaft haben, als sich allein an den Ernteerträgen ablesen lässt.

Ich finde, die Ergebnisse zeigen einmal mehr, wie eng unsere Lebensmittelproduktion mit funktionierenden Ökosystemen verbunden ist. Der Rückgang der Bestäuber betrifft eben nicht nur einzelne Tier- und Pflanzenarten, sondern möglicherweise auch die langfristige Stabilität unserer Landwirtschaft.

Manchmal wird der Wert der Natur erst dann sichtbar, wenn sie fehlt. Aber muss denn immer erst das Kind in den Brunnen fallen?

Quellen
Krumbe et al. (2025), Agriculture, Ecosystems & Environment

doi.org/10.1016/…

Feuerbacher et al. (2024), Environmental and Resource Economics

doi.org/10.1007/…

biene insekten biodiversität landwirtschaft biologie
+4 Less wirtschaft wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine Biene auf leuchtend gelben Blüten. Sie sitzt seitlich auf einer geöffneten Blüte und hat ihren Kopf im Blütenkelch versunken. Ihr braun-schwarzer Körper und die durchsichtigen, fein geäderten Flügel sind deutlich zu erkennen. Im Hintergrund befinden sich weitere gelbe Blüten und unscharfe grüne Pflanzenteile. Das Bild wirde von Corinna Schmid aufgenommen und von der Universität Hohenheim für die Berichterstattung zu den im Haupttext verlinkten Studien zur Verfügung gestellt.
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Grundlagenforschung

Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den besonders schwer behandelbaren Krebsarten. Das liegt unter anderem daran, dass die Tumorzellen von einem dichten, narbenartigen Gewebe umgeben sind, das sie vor der körpereigenen Immunabwehr abschirmen kann.

Dieses sogenannte Stützgewebe kann bis zu 90 Prozent des Tumors ausmachen. Eine wichtige Rolle spielen dabei bestimmte Bindegewebszellen, die krebsassoziierten Fibroblasten. Sie produzieren nicht nur große Mengen an Kollagen, sondern setzen auch Botenstoffe frei, die die Aktivität von Immunzellen unterdrücken.

Ein Forschungsteam des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hat nun untersucht, wie sich diese Fibroblasten gezielt beeinflussen lassen. Im Mittelpunkt stand das Oberflächenprotein CD44, das an der Weiterleitung von Signalen beteiligt ist, die die Zellen aktivieren.

Mithilfe gentechnischer Verfahren schalteten die Forschenden das Gen für CD44 in menschlichen Fibroblasten aus Bauchspeicheldrüsentumoren aus.

Daraufhin veränderten die Zellen ihre Form und wurden deutlich weniger aktiv. Sie produzierten weniger Kollagen und schütteten geringere Mengen bestimmter Botenstoffe aus, die Entzündungsprozesse fördern und die Immunabwehr hemmen.

In weiteren Laborversuchen konnten T-Zellen, die normalerweise durch diese Botenstoffe gebremst werden, Krebszellen wirksamer abtöten.

Auch im Mausmodell zeigte sich ein deutlicher Effekt. Wurde CD44 in bestimmten Zellen des Tumorstützgewebes ausgeschaltet, waren die Tumoren nach zwei Wochen etwa 50 Prozent kleiner als bei den Kontrolltieren. Gleichzeitig fanden sich weniger regulatorische T-Zellen im Tumorgewebe, die normalerweise die Immunabwehr bremsen.

Mir ist wichtig zu betonen, dass diese Ergebnisse bislang ausschließlich aus präklinischer Forschung stammen. Dabei geht es zunächst darum, biologische Mechanismen besser zu verstehen und ihr Potenzial für mögliche spätere Anwendungen beim Menschen auszuloten.

Bis daraus tatsächlich neue Therapien entstehen, ist es noch ein weiter weiter Weg. Aber weltweit arbeiten viele Forschende daran, die Behandlungsmöglichkeiten bei Krebserkrankungen zu verbessern. One day…

Quelle:
Treffert et al. (2026), Cell Death & Disease, „Loss of CD44 re-educates pancreatic cancer-associated fibroblasts modulating their fibrotic and immunosuppressive functions“

doi.org/10.1038/…

bauchspeicheldrusenkrebs pinktober krebsforschung cancer grundlagenforschung
+5 Less biologie KIT wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt zwei fluoreszenzmikroskopischen Aufnahmen von menschliche Bindegewebszellen, die ursprünglich aus dem Gewebe eines Bauchspeicheldrüsentumors stammen und für die Untersuchung im Labor kultiviert wurden. Dabei werden bestimmte Zellbestandteile mit fluoreszierenden Farbstoffen sichtbar gemacht.  Solche Zellen werden als krebsassoziierte Fibroblasten bezeichnet. Sie können das Tumorwachstum unterstützen, indem sie unter anderem Bindegewebe aufbauen und Botenstoffe freisetzen, die die Immunabwehr beeinflussen.
Links sind die Zellen großflächig ausgebreitet und besitzen lange, dünne Fortsätze. Diese längliche Form ist typisch für aktivierte Fibroblasten. Aktiviert bedeutet hier, dass die Zellen auf bestimmte Signale aus ihrer Umgebung reagieren und verstärkt Aufgaben übernehmen, die im Tumorgewebe dessen Wachstum begünstigen können. Dazu gehört beispielsweise die Produktion von Kollagen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Protein CD44, das sich auf der Zelloberfläche befindet. Es ist unter anderem an der Aufnahme und Weiterleitung von Signalen beteiligt, die das Verhalten der Zellen beeinflussen. In der linken Aufnahme ist CD44 grün angefärbt.
In der rechten Aufnahme sind Zellen, bei denen die Forschenden das Gen für CD44 mithilfe eines gentechnischen Verfahrens ausgeschaltet haben. Die Zellen verlieren dadurch die Fähigkeit, auf einige Außensignale zu reagieren und zeigen in der Folge eher rundliche Formen. Sie sind insgesamt weniger ausgebreitet. Die blaue Markierung zeigt die Zellkerne.
Die veränderte Zellform ist ein sichtbares Anzeichen dafür, dass die Zellen ihren Aktivierungszustand verändert haben und womöglich einen Teil ihrer tumorfördernden Eigenschaften verlieren.
Das Bild stammt aus der Arbeit von Treffert et al, die am Ende des Haupttextes verlinkt ist. Es wurde vom Karlsruher Instituts für Technologie für die Berichterstattung zu dieser Forschung zur Verfügung gestellt.
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Lachse im Rheinsystem?

Früher war der Atlantische Lachs im Rhein weit verbreitet. Doch Gewässerverschmutzung, Überfischung und der Bau von Wanderhindernissen ließen die Bestände immer weiter schrumpfen. In den 1950er-Jahren galt die Art im Rheinsystem schließlich als ausgestorben.

Seit den 1980er-Jahren wird deshalb versucht, den Lachs wieder anzusiedeln. Jährlich werden inzwischen mehr als eine Million Jungfische aus Aufzuchtstationen in geeignete Nebenflüsse eingesetzt.

Langfristig sollen wieder Populationen entstehen, die sich ohne menschliche Unterstützung erhalten können. Dafür müssen die Tiere ihren Lebenszyklus erfolgreich durchlaufen. Sie wachsen zunächst im Süßwasser heran, wandern ins Meer und kehren nach einigen Jahren zum Laichen in ihre Heimatgewässer zurück.

Aber wie weit ist die Wiederansiedlung nach mehreren Jahrzehnten nun tatsächlich gekommen? Das untersuchte das Forschungsprojekt GeMoLaR unter Leitung der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau.

Die Forschenden analysierten mehr als 15.000 genetische Proben, um die Herkunft der Lachse nachzuvollziehen und herauszufinden, wie viele Jungfische tatsächlich aus natürlicher Fortpflanzung stammen.

Die Ergebnisse fallen ernüchternd aus. Zwar kehren durchaus erwachsene Lachse ins Rheinsystem zurück, doch die Bestände sind weiterhin stark von den Besatzprogrammen abhängig.

In der Agger wurden beispielsweise nur etwa fünf Prozent der untersuchten Junglachse als mögliche Naturbrut eingestuft. Im Kinzigsystem ließen sich sogar sämtliche 742 untersuchten Junglachse auf Besatzmaßnahmen zurückführen.

Hinzu kommt, dass die Zahl der zurückkehrenden Lachse seit 2018 trotz weitgehend unveränderter Besatzaktivitäten deutlich gesunken ist.

Nach Jahrzehnten intensiver Bemühungen gibt es im Rheinsystem somit noch immer keine etablierten, selbsttragenden Lachspopulationen.

Die Forschenden betonen deshalb, dass das Aussetzen von Jungfischen allein nicht ausreicht. Entscheidend sind auch durchgängige Flüsse, geeignete Laichgebiete und Lebensräume für Jungfische. Niedrigwasser und steigende Wassertemperaturen erschweren die Situation zusätzlich.

Das Forschungsprojekt selbst liefert dennoch einen wichtigen Beitrag. Mit genetischen Methoden lässt sich nun wesentlich genauer überprüfen, welche Besatzmaßnahmen erfolgreich sind und wo schon natürliche Fortpflanzung stattfindet. Dies soll helfen, die Programme künftig gezielter zu gestalten.

Für mich wirft das eine ganz grundsätzliche Frage auf, mit einem ziemlich bitteren Beigeschmack. Wie sinnvoll ist eigentlich dieses jahrzehntelange Aussetzen von Jungfischen, wenn die ökologischen Voraussetzungen für eine dauerhaft selbsttragende Population offenbar noch nicht ausreichend gegeben sind?

Wie viel Energie, Ressourcen und Arbeit da bereits investiert worden sind, ohne das eigentliche Ziel zu erreichen! Und ist es nicht auch ein fragwürdiger Eingriff in die Natur, jährlich eine Million Jungfische auszusetzen, obwohl ihre langfristigen Überlebens- und Fortpflanzungschancen offenbar begrenzt sind? Ich wundere mich und fühle mich ratlos.

Quelle: GeMoLaR (2026), Abschlussbericht und Leitfaden zur Wiederansiedlung des Atlantischen Lachses im Rheingebiet, RPTU Kaiserslautern-Landau.

ble.de/Atlantischer-Lachs

Lachs Rhein Artenschutz Naturschutz Biodiversität
+5 Less Biologie BLE Wissenschaft Wisskomm anysci
Das Bild zeigt, wie junge Lachse mit einem Kescher aus einem Behälter gehoben werden. Solche Jungfische werden seit Jahrzehnten in Nebenflüssen des Rheins ausgesetzt, um den Atlantischen Lachs dort wieder anzusiedeln. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Entwicklung einer sich dauerhaft selbsttragenden Populationen schleppend läuft. Die Bestände sind weiterhin auf regelmäßige Aussetzungen angewiesen. Das Foto wurde von J. Gährken aufgenommen und vom LANUV NRW zur Verfügung gestellt.
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Nicht einfach nur schön

Die auffälligen Farben und Muster vieler Schmetterlinge erfüllen ganz unterschiedliche Funktionen. Sie können beispielsweise der Tarnung, der Partnerwahl oder der Warnung vor Fressfeinden dienen.

Ein Forschungsteam der University of Exeter hat nun untersucht, ob die Muster es möglicherweise auch erschweren, dass Fressfeinde die Flugbewegungen richtig einschätzen.

Die Idee dahinter ist, dass sich die Flügel beim Fliegen ständig auf und ab bewegen, während der Körper gleichzeitig vorwärts fliegt. Kontrastreiche Streifen und andere Muster erzeugen dabei zusätzliche Bewegungsreize, die sich teilweise mit der tatsächlichen Flugrichtung überlagern können und so Räuber irritieren.

Um diesen möglichen Effekt zu untersuchen, filmten die Forschenden zunächst startende Schmetterlinge mit Hochgeschwindigkeitskameras (werft bei Interesse gerne einen Blick in das Supplementary Material der Studie).

Anschließend analysierten sie die Aufnahmen mit einem Computermodell, das die Bewegungsverarbeitung im visuellen System von Vögeln nachbildet und verschiedene Bewegungsrichtungen darstellte.

Zusätzlich simulierten sie die Flugbewegungen von 757 unterschiedlichen Flügelvarianten aus 397 europäischen Schmetterlingsarten.

Besonders kontrastreiche Muster und bestimmte Streifenanordnungen erzeugten starke widersprüchliche Bewegungssignale.

Ob solche visuellen Täuschungen tatsächlich Angriffe beeinflussen können, überprüfte das Team mit 100 menschlichen Versuchspersonen. Diese sollten auf einem Bildschirm fliegende, digital animierte Schmetterlinge mit dem Finger treffen.

Tatsächlich verschoben sich die Angriffspunkte abhängig vom jeweiligen Flügelmuster. Bei Mustern mit besonders starken Täuschungseffekten landeten die „Angriffe“ häufiger hinter dem Schmetterling.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass auffällige Flügelmuster nicht nur im Ruhezustand eine Funktion erfüllen, sondern gerade im Zusammenspiel mit der Bewegung ihre Bedeutung zeigen.

Ob und wie stark dieser Vorteil auch bei tatsächlichen Angriffen durch Vögel zum Tragen kommt, muss allerdings noch untersucht werden.

Ich vermute mal, das Team rekrutiert gerade 100 freiwillige Meisen.

Quelle :
Hancock et al. (2026), Nature, „Butterfly wing patterns in flight create powerful illusory motion cues“

doi.org/10.1038/…

schmetterlinge biologie nature butterfly wissenschaft
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