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AnySci - Wissenschaft für Jedermann @anysci mastodon.de

Ameisenlarven steuern die Population

Larven galten bisher als eher passive Mitglieder eines Ameisenstaates. Sie werden versorgt und geschützt, das war es dann aber auch. Eine neue Studie zeigt nun, dass wir die lieben Kleinen wohl unterschätzt haben.

Ein Forschungsteam am Max-Planck-Institut für chemische Ökologie hat bei der klonalen Räuberameise Ooceraea biroi ein bislang unbekanntes Duftsignal entdeckt, das ausschließlich von Larven produziert wird.

Bevor ich darauf weiter eingehe, ist es wichtig diese Ameisenart genauer vorzustellen. Klonale Räuberameisen heißen nämlich deshalb so, weil sie sich quasi klonen. Sie haben keine Königin, sondern alle Arbeiterinnen vermehren sich asexuell (Parthogenese).

Eben dieses neu entdeckte Duftsignal sorgt dafür, dass erwachsene Arbeiterinnen vorübergehend keine Eier mehr legen, sondern die Vermehrung ruht. Dabei reicht es aus, wenn die Ameisen den Duft wahrnehmen, ein direkter Kontakt zu den Larven ist gar nicht nötig.

Damit wird ein zentraler Mechanismus innerhalb der Kolonie sichtbar, für den es wichtig ist die Lebensweise der Tiere zu kennen.

Die Ameisen wechseln in einem festen Rhythmus zwischen Eiablage und Brutpflege. Das Signal der Larven wirkt dabei wie eine Art „Stoppschild“ für die Fortpflanzung. Solange Larven vorhanden sind, wird keine neue Brut produziert. Erst wenn sich diese weiterentwickeln, fällt die Hemmung weg und die Eiablage setzt wieder ein.

Erstmals konnte ein solches Brutpheromon bei Ameisen chemisch eindeutig identifiziert werden. Besonders interessant ist, dass es sich um genau eine spezifische Verbindung handelt, die diese Wirkung auslöst (also kein Duftgemisch).

Die Ergebnisse liefern einen wichtigen Baustein für das Verständnis sozialer Organisation bei Insekten. Sie zeigen, wie fein abgestimmt chemische Kommunikation komplexe Abläufe wie Fortpflanzung und Arbeitsteilung koordinieren kann.

Wieder einmal eine Geschichte, bei der man ins Staunen kommen kann, wie fein die Zahnrädchen des Lebens ineinander greifen.

Abgesehen von diesem Staunen, musste ich bei dieser Studie aber auch an einen Bericht denken, den ich im Frühjahr gelesen habe. In Karlsruhe legten Ameisen die Elektrik einer Ampel lahm und es kam zu einem Unfall. Ein Elektriker erläuterte, dass es schwierig sei, solche Schaltkästen ameisenfrei zu halten.

Vielleicht erlauben die neuen Erkenntnisse irgendwann eine sehr zuverlässige und biologische Möglichkeit, eben solche Orte als Lebensraum für Ameisen doch ungeeignet zu machen.

Quelle:
Piqueret et al. (2026), PNAS
doi.org/10.1073/…

MPI ökologie natur biologie ameise
+4 Less pnas wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt ausgewachsene Ameisen der Art "Ooceraea biroi" und deren Larven. Beide wurden offenbar für das Foto auf einem hellen Untergrund gesetzt. Ursprünglich stammt diese Art aus tropischen und subtropischen Regionen Asiens, hat sich inzwischen aber weltweit in warmen Regionen oder geschützen Orten verbreitet. Eine äußerst interessante Eigenart dieser Ameisen ist die Tatsache, dass sie keine Königin haben wie andere Ameisen. Stattdessen vermehren sich die Arbeiterinnen asexuell. Sie klonen sich quasi. Dieser Prozess wird durch einen einzelnen Duftstoff der Larven gehemmt, wie eine neue Studie zeigt. Das Foto wurde von Anna Schroll aufgenommen und vom Max Planck Institut für chemische Ökologie für die Berichterstattung zu dieser Forschung zur Verfügung gestellt.
AnySci - Wissenschaft für Jedermann @anysci mastodon.de

Seevögel gegen Erosion

Was haben Seevögel mit dem Fortbestand tropischer Inseln zu tun? Eine ganze Menge, wie eine neue Studie zeigt. Denn die Tiere beeinflussen Prozesse, die für die Stabilität der Inseln entscheidend sind.

Viele flache Koralleninseln sind durch den steigenden Meeresspiegel und zunehmende Küstenerosion gefährdet. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Lancaster University hat deshalb 28 Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean untersucht. Dabei verglichen die Forschenden unter anderem die Seevogelbestände, die natürliche Vegetation und die angrenzenden Korallenriffe.

Eine wichtige Rolle spielt der Vogelkot. Seevögel nehmen bei ihrer Nahrungssuche auf dem Meer Nährstoffe auf und transportieren diese zurück auf ihre Brutinseln. Dort gelangen sie über den Kot in den Boden und teilweise weiter ins Meer. Davon profitieren sowohl die Pflanzen an Land als auch die Korallen und Fische in den umliegenden Riffen.

Besonders interessant ist die Wirkung auf die Inseln selbst. Die zusätzlichen Nährstoffe fördern das Wachstum der Korallen, deren Kalkskelette zum Aufbau der Riffe beitragen. Papageifische wiederum tragen bei ihrer Nahrungssuche Kalkmaterial vom Riff ab und produzieren dabei feinen Sand, der an die Küsten gelangen kann. Die Wurzeln der natürlichen Inselvegetation helfen schließlich, das vorhandene Material festzuhalten.

Die Forschenden konnten diese Zusammenhänge tatsächlich quantitativ erfassen. An den untersuchten Riffen im Chagos-Archipel war das geschätzte Wachstumspotenzial auf der Lagunenseite vor rattenfreien Inseln mit großen Seevogelkolonien etwa 1,8-mal so hoch wie vor Inseln mit eingeschleppten Ratten. Auch die mögliche Sandproduktion war dort mehr als doppelt so hoch.

Warum gerade Ratten? Die eingeschleppten Nagetiere fressen Eier und Jungvögel und können Seevogelkolonien ganz erheblich dezimieren. Werden sie von den Inseln entfernt und natürliche Wälder wiederhergestellt, könnten sich die Vogelbestände erholen und damit auch die ökologischen Prozesse, die zum Erhalt der Inseln selbst beitragen.

Faszinierend, nicht wahr? Ganz ehrlich, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich hoffe, ich konnte euch auch zum Staunen bringen.

Quelle Graham et al. (2026), Science Advances
“Seabirds and native vegetation drive ecosystem processes that support atoll island resilience”

doi.org/10.1126/…

insel korallen ökologie science leibniz
+6 Less tropen zmt biologie wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt mehrere Papageifische, die über einem Korallenriff im türkisblauen Wasser schwimmen. Besonders auffällig sind die kräftigen Körper und die unterschiedlichen Färbungen der Fische. Einige zeigen leuchtend blaue und grüne Farbtöne, andere sind eher orange oder rötlich gefärbt und besitzen feine Muster auf ihren Schuppen. Papageifische verdanken ihren Namen den schnabelartig verwachsenen Zähnen, mit denen sie unter anderem Algen von Korallen und Kalkgestein abschaben. Dabei nehmen sie auch Kalkmaterial auf, das sie später als feinen Sand wieder ausscheiden. Dieser Sand kann an die Küsten gelangen und so zum Erhalt tropischer Koralleninseln beitragen. Eine neue Studie zeigt, dass auch Seevögel dabei eine wichtige Rolle spielen, weil ihr nährstoffreicher Kot das Wachstum der Korallenriffe und damit den Lebensraum der Papageifische fördern kann. Das Foto wurde von Marleen Stuhr vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung aufgenommen. Die zugehörige Studie ist am Ende des Haupttextes verlinkt.
tagesschau @tagesschau ard.social

Planetary Health Check: Patientin Erde ist schwer angeschlagen

Wie geht es dem Planeten Erde? Schwindende Artenvielfalt, versauerte Meere und ausgelaugte Böden machen ihm zu schaffen. Laut dem aktuellen Planetary Health Check ist die Lage kritisch - aber nicht aussichtslos. Von Jan Kerckhoff.

➡️ tagesschau.de/wissen/…

Ökologie Erde Klimawandel Biodiversität
AnySci - Wissenschaft für Jedermann @anysci mastodon.de

Good news am Wochenende:
Weniger Lichtstress am Bahnsteig

Künstliches Licht in der Nacht ist für die Natur ein nicht zu unterschätzendes Problem. Ich weiß, das Thema ist groß und wird sicher auch das ein oder andere mal hier kommen, aber betrachten wir hier einmal nur die Insekten.

Viele nachtaktive Insekten nutzen natürliche Lichtquellen wie den Himmel zur Orientierung. Künstliches Licht kann diese Orientierung stören und die Tiere regelrecht an einer Lampe festhalten. Statt Nahrung oder Partner zu suchen, verbringen sie dort mitunter Stunden, werden leichter zur Beute oder sterben vor Erschöpfung.

Ganz auf Beleuchtung verzichten lässt es sich zum Beispiel an Orten wie Bahnhöfen natürlich nicht. Aber offenbar macht es einen erheblichen Unterschied, welches Licht dort eingesetzt wird.

Forschende des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) testeten deshalb an sechs ländlichen Bahnhöfen im Westhavelland verschiedene Leuchtmittel unter realen Bedingungen.

Besonders gut schnitten amberfarbene LEDs mit einer Farbtemperatur von 1800 Kelvin ab. Im Vergleich zu den heute üblichen kaltweißen 4000-Kelvin-LEDs wurden dort rund 40 bis 50 Prozent weniger Insekten und bis zu 75 Prozent weniger Insektenbiomasse erfasst. Auch die Zahl der angelockten Arten war um etwa zehn bis 20 Prozent geringer.

Interessant ist dabei, dass es nicht einfach nur auf die wahrgenommene Lichtfarbe ankommt. Alte Natriumdampflampen erscheinen mit 2000 Kelvin ebenfalls sehr warm, lockten aber ähnlich viele Insekten an wie kaltweiße LEDs. Entscheidend ist vielmehr, welche Wellenlängen eine Lampe tatsächlich aussendet. Das Spektrum der neuen LEDs ist so gewählt, dass für Insekten besonders attraktive Lichtanteile reduziert werden.

Völlig insektenfreundlich wird künstliches Licht dadurch allerdings nicht. Auch die optimierten LEDs zogen noch mehr Tiere an als unbeleuchtete Kontrollorte.

Wo Licht nicht benötigt wird, bleibt Ausschalten daher die bessere Lösung. Wo Beleuchtung aus Sicherheitsgründen notwendig ist, können Spektrum, Abschirmung und Dimmen ihre Auswirkungen auf die Natur aber deutlich verringern.

Und in diesem Fall (kommen wir zu den good news) bleibt es nicht bei einem Forschungsergebnis. Die Deutsche Bahn hat die untersuchten Bahnsteige bereits dauerhaft auf die neuen LEDs umgerüstet und das Leuchtmittel in ihre offizielle Auswahlliste aufgenommen. Ein schönes Beispiel dafür, wie ökologische Forschung unmittelbar in die Praxis einfließen kann.

Quelle:
Ludreschl et al., 2026, Biological Conservation
sciencedirect.com/science/…

lichtverschmutzung lib biologie ökologie naturschutz
+6 Less leibniz bahn goodnews wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine Nachtaufnahme von einem Bahnhof im Westhavelland, an dem die neuen Leuchtmittel getestet wurden. Zu sehen sind je sechs Laternen links und rechts neben dem Gleisbett. Die Perspektive ist aus der Sicht eines einfahrenden Zuges. Die Laternen unterscheiden sich leicht in ihrer Leuchtintesität und der Leuchtfarbe, wobei die meisten eher warmne Farben haben, also eher gelblich sind. Es wurde untersucht, wie viele und welche Insekten sich bei den jeweiligen Laternen sammeln. Die Aufnahme wurde von Christian Bedeschinski angefertigt und vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels zur Verfügung gestellt.
AnySci - Wissenschaft für Jedermann @anysci mastodon.de

Das geheime Energienetz im Waldboden

Der größte Teil der Energie in einem Wald fließt nicht über der Erde, sondern im Boden. Gemeint ist die chemische Energie, die Pflanzen mithilfe von Sonnenlicht aufbauen. Wenn Blätter, Wurzeln oder Holz absterben, wird diese Energie von unzählogen Organismen im Boden aufgenommen und über viele Fressbeziehungen im Bodennahrungsnetz weitergegeben.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Senckenberg Museums für Naturkunde untersuchte solche Netzwerke an 32 Waldstandorten zwischen Deutschland und Vietnam.

Dafür erfassten die Forschenden zahlreiche Gruppen von Bodentieren, darunter kleine Fadenwürmer, Springschwänze (wie im Bild) und Milben, aber auch größere Tiere, und berechneten aus Körpergröße, Häufigkeit und Stoffwechsel, wie Energie durch diese Lebensgemeinschaften im Boden verteilt wird.

Dabei zeigte sich, dass in tropischen Wäldern insgesamt mehr Energie durch die Bodennahrungsnetze weitergegeben werden als in gemäßigten Wäldern. Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung der Akteure. In den Tropen sind größere Bodentiere stärker beteiligt und Räuber-Beziehungen kommen häufiger vor.

In gemäßigten Wäldern spielt dagegen der Abbau angesammelten Laubs eine größere Rolle. Dort gelangt die Energie zunächst über Pilze und Bakterien in das Nahrungsnetz und wird erst danach von Bodentieren weitergereicht.

Gemeinsam bilden diese vielen Organismen das „Bodenpersonal“ des Waldes. Jede Gruppe übernimmt dabei eigene Aufgaben im Kreislauf von Zersetzung, Nahrung und Verbreitung.

Oft wird gesagt, dass insbesondere Regenwürmer wichtig für den Boden sind. Das stimt natürlich, aber sie machen den Job nicht allein. Erst das Zusammenspiel vieler kleiner und größerer Bodenbewohner hält dieses verborgene Netzwerk unter unseren Füßen am Laufen.

Quelle:
Potapov et al. (2026), nature communications
doi.org/10.1038/…

wald ökologie senckenberg biologie wissenschaft
+2 Less wissenschaftskommunikation anysci
Das Bild zeigt die Nahaufnahme eines Riesenspringschwanzes. Trotz seines Namens ist er nur etwa so groß wie eis Reiskorn, was für Springschwänze durchaus beachtlich ist. Es ist ein flügelloses blaugraues Urinsekt, das im Waldboden lebt und dort eine wichtige Rolle bei der Aufbereitung des Bodens spielt. Dennoch ist auch er nur ein Teil eines großen Netzwerks von Bodenorganismen, ohne die auch große Bäume letzlich nicht leben könnten. Das Foto wurde von Clément Schneider aufgenommen und vom Senckenberg zur Verfügung gestellt.

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