Mitternachtsimbiss
Neulich stolperte ich zunächst über ein faszinierendes Tier und nach kurzer Recherche über die Studie, die ich euch heute zeigen möchte.
Es geht um Cookiecutter-Haie (Isistius brasiliensis und Isistius plutodus), die zu den ungewöhnlichen Raubfischen der Tiefsee gehören. Sie sind kaum mehr als 50 Zentimeter lang und trotzdem zurecht gefürchtet. Denn sie haben es auf deutlich größere Beute abgesehen.
Tatsächlich „stanzen“ sie mit ihrem kräftigen Kiefer Fleischstücke aus großen Fischen, Delfinen, See-Elefanten oder sogar aus U-Boot-Isolierungen. Ihren Namen, zumindest im Englischen, verdanken sie den kreisrunden keksförmigen Bisswunden. Der deutsche Name ist da etwas langweiliger und spielt auf die Körperform an: Zigarrenhai.
Eine Studie der University of Hawaii und des Medical College of Wisconsin zeigt nun, dass diese Haie nicht nur faszinierende, sondern auch berechenbare Jäger sind.
Die Forschenden werteten Berichte von Schwimmer:innen aus, die zwischen 1961 und 2023 den Kaiwi Channel zwischen den Inseln Oʻahu und Molokaʻi überquerten. Das ist eine 42 Kilometer lange Strecke durch das offene Meer.
Diese Extremdurchquerungen dauern bis zu 20 Stunden (aktueller Rekord liegt bei 9 Std 55 Min) und finden mitunter anteilig in der Nacht statt. Sie gelten als eine der anspruchsvollsten Schwimmstrecken der Welt und liefern zugleich wertvolle Daten über Begegnungen mit Meereslebewesen.
Dabei zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen Lichtverhältnissen und Haiaktivität. Bei insgesamt 129 erfolgreichen Kanalüberquerungen kam es zu fünf dokumentierten Verletzungen durch Cookiecutter-Haie.
Die Forschenden unterteilten die Schwimmenden in zwei Gruppen: In der sogenannten „Dark group“ fanden die Überquerungen zum Teil bei völliger Dunkelheit statt, wenn also weder Sonne noch Mond am Himmel standen. In der „Light group“ war mindestens eine dieser Lichtquellen sichtbar. Vier der fünf Angriffe ereigneten sich in der Dunkelgruppe, nur einer im Licht.
Damit war das Risiko, in mondloser Nacht gebissen zu werden, rund zwölfmal höher. Wobei natürlich nicht unter den Tisch gekehrt werden darf, dass die Stichptobe wirklich sehr klein ist.
Die Haie leben tagsüber in Tiefen bis zu 3.500 Metern und steigen nachts zur Oberfläche auf, um zu jagen. In mondlosen Nächten kann das künstliche Licht von Begleitbooten oder von den Schwimmenden selbst den Räuber womöglich anlocken.
So werden Menschen unbeabsichtigt Teil der nächtlichen Jagd. Die Autor:innen empfehlen, lange Open-Water-Schwimmdistanzen künftig so zu planen, dass sie am Tage oder zumindest bei gutem Mondlicht stattfinden.
Krass, was Leute so machen, aber immerhin gewinnen wir auch so einen Blick auf diese schrägen Tiere.
📖 Minaglia & Liegl (2024), PLOS ONE
doi.org/10.1371/journal.pone.0291852
Bildnachweis:
links: Wikipedia NOAA Photo Library, CC BY 2.0 <creativecommons.org/licenses/…>, via Wikimedia Commons;
rechts: Minaglia & Liegl,2024, PLOS ONE, Fig. 3