Wandernde Zellen
Unsere Körperzellen können ihre Form verĂ€ndern und sich aktiv fortbewegen. So wandern beispielsweise bestimmte Immunzellen durch unser Gewebe, um Krankheitserreger aufzuspĂŒren und zu bekĂ€mpfen.
Möglich macht das unter anderem ein dynamisches GerĂŒst aus Proteinen, das sogenannte Zytoskelett. Doch wann ist diese FĂ€higkeit im Laufe der Evolution entstanden?
Neue Erkenntnisse liefert eine Studie ĂŒber die sogenannten Asgard-Archaeen. Diese einzelligen Mikroorganismen gehören zu den Archaeen, die neben Bakterien und Eukaryoten eine der drei groĂen Reiche des Lebens bilden.
Genetisch stehen Asgard-Archaeen den Eukaryoten, zu denen auch wir Menschen zĂ€hlen, besonders nahe. Deshalb sind sie fĂŒr die Erforschung der Entstehung komplexer Zellen von groĂer Bedeutung.
Bereits bekannt war, dass Asgard-Archaeen Gene fĂŒr Proteine besitzen, die auch am Zytoskelett unserer Zellen beteiligt sind. Ein internationales Forschungsteam aus Ăsterreich, Deutschland und Japan untersuchte nun zwei Vertreter dieser Gruppe mithilfe von Lebendzellmikroskopie, um ihre Beweglichkeit genauer zu erforschen.
Dabei beobachteten die Forschenden, wie die Archaeen lange, dĂŒnne ZellfortsĂ€tze ausbildeten, die sich innerhalb weniger Minuten verlĂ€ngerten, verzweigten und wieder zurĂŒckzogen.
Mithilfe dieser FortsĂ€tze konnten sie sich aktiv ĂŒber GlasoberflĂ€chen bewegen. Teilweise hefteten sich die FortsĂ€tze am Untergrund fest und zogen anschlieĂend den Zellkörper nach.
Weitere Experimente zeigten, dass dabei ein Aktin-Àhnliches Protein namens Lokiactin eine zentrale Rolle spielt. Wurde dessen Funktion durch bestimmte Wirkstoffe gestört, kamen die Zellen zum Stillstand.
Diese Entdeckung ist tatsĂ€chlich fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Evolution interessant.
Nach gĂ€ngigen Modellen entstanden die ersten Eukaryoten aus einer engen Verbindung zwischen einem archaeellen Vorfahren und einem Bakterium, das innerhalb dessen lebte. Aus diesem âeinverleibtenâBakterium entwickelten sich dann die Mitochondrien (Endosymbiontentheorie).
Die FÀhigkeit, bewegliche ZellfortsÀtze auszubilden, könnte bereits bei diesem archaeellen Vorfahren vorhanden gewesen sein.
Wie diese Verbindung vor rund zwei Milliarden Jahren tatsĂ€chlich entstand, ist bis heute ungeklĂ€rt. Die neuen Beobachtungen legen jedoch nahe, dass schon die archaeellen Vorfahren unserer Zellen bewegliche FortsĂ€tze besaĂen, mit denen sie möglicherweise auch Kontakt zu anderen Mikroorganismen aufnehmen konnten.
Quelle:
Radler et al. (2026), Nature
âDynamic protrusions mediate crawling motility in Asgard archaeaâ
Tip: Videos im supplementary material