Ist Zivilcourage biochemisch erklärbar?
Vor einiger Zeit hatte ich hier eine Studie vorgestellt, die untersuchte, welche Ameisen verletzte Nestgenossinnen versorgen. Dabei zeigte sich, dass vor allem Arbeiterinnen in einer bestimmten Lebensphase diese Aufgabe übernehmen und ihre sozialen Kontakte dabei eine wichtige Rolle spielen.
Eine andere Studie geht nun einen Schritt weiter auf die Ebene des einzelnen Tieres und fragt: Wenn mehrere Arbeiterinnen eine Nestgenossin in Not wahrnehmen können, warum versuchen einige von ihnen zu helfen und andere nicht?
Dafür untersuchte ein Forschungsteam der Universitäten Mainz und Tel Aviv die Wüstenameise Cataglyphis nigra.
Im Experiment wurde eine Arbeiterin am Boden einer mit Sand bedeckten Arena festgebunden (ja, wirklich). Einige Nestgenossinnen versuchten daraufhin, die fixierte Ameise durch Ziehen und Graben zu befreien. Andere näherten sich zwar, griffen aber nicht ein.
Anschließend verglichen die Forschenden Körperbau und Energiereserven beider Gruppen und untersuchten, welche Gene in verschiedenen Bereichen des Gehirns und in den Antennen bei den verschiedenen Ameisen aktiv waren.
Körpergröße, Gehirngröße oder Fettreserven konnten die Unterschiede im Verhalten nicht erklären. Dafür unterschied sich aber die Genaktivität, besonders deutlich in den sogenannten Pilzkörpern. Diese Bereiche des Insektengehirns sind unter anderem daran beteiligt, Sinnesinformationen zu verarbeiten und miteinander zu verknüpfen.
Bei den helfenden Ameisen waren dort 15 Gene stärker aktiv, darunter Gene, die mit Geruchsverarbeitung, Hormonsteuerung und Immunfunktionen zusammenhängen.
Gerade Letzteres ist interessant, denn Immungene können bei Insekten neben der Abwehr von Krankheitserregern auch Prozesse im Nervensystem und damit Verhalten beeinflussen. Welche Rolle sie beim Rettungsverhalten aber genau spielen, ist allerdings noch offen.
Zusammen zeigen die beiden Studien, wie viele Ebenen hinter dem Helfen in einem Ameisenstaat stecken.
Soziale Kontakte und Arbeitsteilung beeinflussen, welche Tiere überhaupt in entsprechende Situationen geraten. Gleichzeitig können sich einzelne Arbeiterinnen darin unterscheiden, ob oder wie sie eine Notsituation überhaupt wahrnehmen.
Ob sich damit ein Konzept wie “Zivilcourage”, zumindest bei Ameisen, tatsächlich biochemisch erklären lässt, ist noch eine ziemlich große Frage, die ich zu Beginn zugegebenermaßen ziemlich überspitz habe.
Dennoch finde ich es unheimlich spannend, wie selbst bei einem Insekt komplexe und eben auch individuelle Verhaltensweisen entstehen.
Ich bin gespannt, was ich noch dazu finde.
Und ich bin froh, dass es heute mit dem Upload geklappt hat. Danke auch für eure Rückmeldungen!
Quelle:
Jaimes-Nino et al. (2026), Journal of Experimental Biology, „Transcriptional predictors of rescue behaviour in ants“
doi.org/10.1242/…