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Alpine Moore

Zwischen steilen BerghĂ€ngen und in abgelegenen TĂ€lern der Alpen liegen zahlreiche kleine Moore. Viele davon sind nur wenige Hektar groß. Dabei sind sie ökologisch ausgesprochen wertvoll.

In ihren wassergesĂ€ttigten Böden haben sich ĂŒber Jahrtausende Torfschichten gebildet, die große Mengen Kohlenstoff speichern. Zudem bieten sie spezialisierten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.

Doch wie geht es diesen Mooren heute? Weil sie verstreut und schwer zugĂ€nglich sind, fehlen vielerorts aktuelle Informationen ĂŒber ihren Zustand.

Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der UniversitÀt Göttingen hat deshalb ein Verfahren entwickelt, um alpine Moore mithilfe von Satellitendaten zu erfassen.

DafĂŒr kombinierten die Forschenden Satellitendaten aus den Jahren 2019 bis 2023 mit Informationen ĂŒber das GelĂ€nde. Neben optischen Aufnahmen, die unter anderem RĂŒckschlĂŒsse auf die Vegetation ermöglichen, nutzten sie auch Radardaten, die Informationen ĂŒber die OberflĂ€chenstruktur und Feuchtigkeit liefern.

Ein Computermodell sollte anhand dieser Daten dann MoorflĂ€chen identifizieren. Anschließend verglichen die Forschenden die Ergebnisse fĂŒr 590 Moore in Österreich, Deutschland und der Schweiz mit amtlichen Moorkarten.

Dabei zeigte sich, dass das Modell viele Moore deutlich kleiner erfasste als sie bislang kartiert waren. Hochauflösende Luftbilder lieferten mögliche ErklÀrungen.

An 86 Prozent der untersuchten Standorte waren Hinweise auf Störungen erkennbar, darunter EntwĂ€sserungsgrĂ€ben, Straßen und Wege. Aich konnte an vielen Stellen eine Ausbreitung von BĂ€umen und StrĂ€uchern erkennbar werden.

Besonders diese verÀnderte Vegetation ist aufschlussreich. Denn sinkt der Wasserstand eines Moores, können typische Moorpflanzen verdrÀngt werden.

Gleichzeitig gelangt Sauerstoff in den Torf, wodurch dessen Zersetzung beschleunigt wird und gespeicherter Kohlenstoff als CO₂ freigesetzt werden kann. Aus einer Kohlenstoffsenke kann das Moor so zu einer CO₂-Quelle werden.

Die kleineren, vom Modell ermittelten MoorflÀchen belegen allerdings nicht zwangslÀufig einen tatsÀchlichen FlÀchenverlust. Auch Unterschiede zwischen den Kartierungsmethoden könnten eine Rolle spielen.

Dass die Abweichungen gerade dort besonders deutlich sind, wo sichtbare BeeintrÀchtigungen vorliegen, deutet jedoch darauf hin, dass sich der Zustand vieler Moore tatsÀchlich verÀndert hat und die bisherigen Karten diese VerÀnderungen nicht ausreichend abbilden bzw. einfach veraltet sind.

Das neue Verfahren könnte kĂŒnftig helfen, diese abgelegenen Moore besser im Blick zu halten und Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen besser zu planen und untereinander zu vernetzen.

Quelle:
Schönauer et al. (2026), communications earth & environment, “Peatlands mapped across the European Alps with a harmonised multi-sensor workflow show widespread degradation”

doi.org/10.1038/


alpen biologie natur naturschutz moor
+3 Less wissenschaft wisskomm anysci
Das Foto zeigt eine alpine Moorlandschaft mit einer weitgehend offenen, von goldbraunen SauergrĂ€sern geprĂ€gten Vegetation. Im Vordergrund liegt eine kleine, flache WasserflĂ€che, deren Rand von rötlich-brauner Moorvegetation umgeben ist. Vereinzelt wachsen niedrige StrĂ€ucher auf der MoorflĂ€che, die aus der Distanz jedoch nicht genauer zu erkennen sind. Im Hintergrund geht die offene Vegetation in einen lichten Nadelbaumbestand ĂŒber, in dem einzelne gelb verfĂ€rbte LĂ€rchen zu erkennen sind. Am Horizont sind Alpengipfel zu sehen. Das Foto wurde von Simon Drollinger von der Uni Göttingen aufgenommen, der Mitautor der zitierten Studie ist.
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Mal was anderes:

Ich möchte gerne auf den diesjÀhrigen Biologentag NRW am 14. November aufmerksam machen.

In diesem Jahr dreht sich alles um Viren.

Das Institut fĂŒr Virologie am UniversitĂ€tsklinikum Essen stellt dafĂŒr dankenswerterweise seine RĂ€umlichkeiten zur VerfĂŒgung und beteiligt sich auch fachlich am Programm.

Unter dem Motto „Das geht viral! Herausforderung Viren“ erwarten uns fĂŒnf spannende FachvortrĂ€ge aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Virologie.

Wie schaffen es manche Viren, sich lebenslang in unserem Körper zu halten? Welche Rolle spielen Virusinfektionen bei der Entstehung von Krebs? Und wie lassen sich Viren sogar gezielt fĂŒr die Gentherapie nutzen? Auch Pflanzenviren sowie Influenza- und Coronaviren stehen auf dem Programm.

Die VortrÀge sind so konzipiert, dass sie auch von nicht-Experten des Faches gut verstanden werden können.

Neben den VortrĂ€gen gibt es Gelegenheit zum persönlichen Austausch. In der Mittagspause erwartet uns ein Buffet, außerdem besteht die Möglichkeit, an einer FĂŒhrung durch das Institut fĂŒr Virologie teilzunehmen. Gerade solche Einblicke in die Forschung vor Ort finde ich immer besonders interessant.

Der Biologentag wird vom VBIO-Landesverband NRW veranstaltet und richtet sich nicht nur an Biologinnen und Biologen, sondern an alle, die sich fĂŒr biologische Forschung interessieren.

Meldet euch bei Interesse bitte bis zum 2. November an unter:
vbio.de/nrw

Die Teilnahme ist kostenpflichtig, fĂŒr Studierende oder Referendare gibt es einen ermĂ€ĂŸigten Beitrag. Neben diesem Beitrag entstehen keine weiteren Kosten. Es ist fĂŒr alles gesorgt.

Vielleicht sehen wir uns ja dort. Ich wĂŒrde mich freuen!

biologentag veranstaltung savethedate NRW vbio
+8 Less virologie biologie Wissenschaft lehrer students wisskomm essen anysci
Das Bild zeigt das AnkĂŒndigungsplakat fĂŒr den Biologentag NRW 2026 unter dem Motto „Das geht viral! Herausforderung Viren“. Vor einem tĂŒrkisblauen Hintergrund sind mehrere dreidimensional dargestellte Viruspartikel zu sehen. Im Vordergrund befindet sich ein besonders großes, kugelförmiges Virus mit zahlreichen FortsĂ€tzen. DarĂŒber stehen die Veranstaltungsdaten. Der Biologentag findet am Samstag, 14. November 2026, ab 9 Uhr am UniversitĂ€tsklinikum Essen statt. EIne verbindliche Anmeldung ist bis zum 2. November ĂŒber www.vbio.de/nrw möglich. Unten rechts befinden sich die Logos des VBIO und des Instituts fĂŒr Virologie Essen.
Dieses Bild zeigt die erste Seite des Veranstaltungsprogramms fĂŒr den Biologentag NRW 2026. Auf dunkelblauem Hintergrund sind die Programmpunkte in zwei Spalten dargestellt. Das Programm am Vormittag ust das Folgende:
- 09:00 Uhr – Eintreffen und Registrierung der Teilnehmenden.
- 10:00 Uhr – Grußwort und Vorstellung des VBIO durch LRSD’ a. D. Marga Radermacher, Vorsitzende des VBIO-Landesverbandes NRW, Mitglied des PrĂ€sidiums und VizeprĂ€sidentin des VBIO.
- 10:15 Uhr – Vorstellung des Instituts fĂŒr Virologie am UniversitĂ€tsklinikum Essen durch dessen Direktor Prof. Dr. Ulf Dittmer.
- 10:30 Uhr – Fachvortrag 1 „Chronische Virusinfektionen: Wie verstecken sich Viren lebenslang im Körper?“ von Prof. Dr. Ulf Dittmer, UniversitĂ€tsklinikum Essen.
- 11:15 Uhr – Pause.
- 11:30 Uhr – Fachvortrag 2 „GrĂŒne Patienten: Wie Viren Pflanzen krank machen“ von Dr. Annette Niehl, Julius KĂŒhn-Institut, Braunschweig.
- 12:15 Uhr – Fachvortrag 3 „Viren und Krebs: Wie Infektionen Tumore begĂŒnstigen“ von Prof. Dr. Dr. Ralf Bartenschlager, Abteilung fĂŒr Infektionskrankheiten, UniversitĂ€t Heidelberg.
Dieses Bild zeigt die zweite Seite des Veranstaltungsprogramms fĂŒr den Biologentag NRW 2026. Das Programm am Nachmittag ist wie folgt vorgesehen:
- 13:00 Uhr – Mittagspause mit Buffet und Gelegenheit zu FĂŒhrungen durch das Institut fĂŒr Virologie.
- 14:45 Uhr – Fachvortrag 4 „Gentherapie und Viren: Das Unheilbare heilbar machen?“ von Prof. Dr. Anja Ehrhardt, Lehrstuhl fĂŒr Virologie und Mikrobiologie, UniversitĂ€t Witten/Herdecke.
- 15:30 Uhr – Fachvortrag 5 „Influenza- und Coronaviren: Zwischen ErkĂ€ltung, Zoonose und Pandemiepotenzial“ von Prof. Dr. Stephan Ludwig, Institut fĂŒr Molekulare Virologie, UniversitĂ€t MĂŒnster.
- 16:15 Uhr – Pause.
- 16:30 Uhr – Mitgliederversammlung des VBIO. GĂ€ste sind herzlich willkommen.
- 17:30 Uhr – Verabschiedung.
Links unten befindet sich ein rotes Feld mit den Teilnahmebedingungen. Zur Deckung der Unkosten werden folgende BeitrÀge erhoben: Mitglieder 20 Euro, Nichtmitglieder 30 Euro, Referendarinnen und Referendare 15 Euro sowie Studierende 10 Euro. Es entstehen keine weiteren Kosten an dem Tag.
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Wandernde Zellen

Unsere Körperzellen können ihre Form verĂ€ndern und sich aktiv fortbewegen. So wandern beispielsweise bestimmte Immunzellen durch unser Gewebe, um Krankheitserreger aufzuspĂŒren und zu bekĂ€mpfen.

Möglich macht das unter anderem ein dynamisches GerĂŒst aus Proteinen, das sogenannte Zytoskelett. Doch wann ist diese FĂ€higkeit im Laufe der Evolution entstanden?

Neue Erkenntnisse liefert eine Studie ĂŒber die sogenannten Asgard-Archaeen. Diese einzelligen Mikroorganismen gehören zu den Archaeen, die neben Bakterien und Eukaryoten eine der drei großen Reiche des Lebens bilden.

Genetisch stehen Asgard-Archaeen den Eukaryoten, zu denen auch wir Menschen zĂ€hlen, besonders nahe. Deshalb sind sie fĂŒr die Erforschung der Entstehung komplexer Zellen von großer Bedeutung.

Bereits bekannt war, dass Asgard-Archaeen Gene fĂŒr Proteine besitzen, die auch am Zytoskelett unserer Zellen beteiligt sind. Ein internationales Forschungsteam aus Österreich, Deutschland und Japan untersuchte nun zwei Vertreter dieser Gruppe mithilfe von Lebendzellmikroskopie, um ihre Beweglichkeit genauer zu erforschen.

Dabei beobachteten die Forschenden, wie die Archaeen lange, dĂŒnne ZellfortsĂ€tze ausbildeten, die sich innerhalb weniger Minuten verlĂ€ngerten, verzweigten und wieder zurĂŒckzogen.

Mithilfe dieser FortsĂ€tze konnten sie sich aktiv ĂŒber GlasoberflĂ€chen bewegen. Teilweise hefteten sich die FortsĂ€tze am Untergrund fest und zogen anschließend den Zellkörper nach.

Weitere Experimente zeigten, dass dabei ein Aktin-Àhnliches Protein namens Lokiactin eine zentrale Rolle spielt. Wurde dessen Funktion durch bestimmte Wirkstoffe gestört, kamen die Zellen zum Stillstand.

Diese Entdeckung ist tatsĂ€chlich fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Evolution interessant.

Nach gĂ€ngigen Modellen entstanden die ersten Eukaryoten aus einer engen Verbindung zwischen einem archaeellen Vorfahren und einem Bakterium, das innerhalb dessen lebte. Aus diesem „einverleibten“Bakterium entwickelten sich dann die Mitochondrien (Endosymbiontentheorie).

Die FÀhigkeit, bewegliche ZellfortsÀtze auszubilden, könnte bereits bei diesem archaeellen Vorfahren vorhanden gewesen sein.

Wie diese Verbindung vor rund zwei Milliarden Jahren tatsĂ€chlich entstand, ist bis heute ungeklĂ€rt. Die neuen Beobachtungen legen jedoch nahe, dass schon die archaeellen Vorfahren unserer Zellen bewegliche FortsĂ€tze besaßen, mit denen sie möglicherweise auch Kontakt zu anderen Mikroorganismen aufnehmen konnten.

Quelle:
Radler et al. (2026), Nature
“Dynamic protrusions mediate crawling motility in Asgard archaea”

doi.org/10.1038/


Tip: Videos im supplementary material

archaeen evolution zelle biologie nature
+4 Less uniwien wissenschaft wisskomm anysci
Die Abbildung zeigt sechs aufeinanderfolgende mikroskopische schwarz-weiß Aufnahmen des Asgard-Archaeons Lokiarchaeum ossiferum im Abstand von jeweils drei Minuten. In der Mitte jeder Aufnahme ist der kleine, dunkle Zellkörper zu erkennen, von dem mehrere dĂŒnne, fadenförmige FortsĂ€tze ausgehen. Im Verlauf der 15 Minuten verlĂ€ngern sich diese FortsĂ€tze, verĂ€ndern ihre Ausrichtung und bilden teilweise Verzweigungen.
Die Aufnahmen entstanden mithilfe der Phasenkontrastmikroskopie, bei der lebende, ungefÀrbte Zellen sichtbar gemacht werden können. Die Zelle selbst befindet sich auf einer GlasoberflÀche, an der sie sich mit ihren FortsÀtzen anheftet und langsam daran entlang wandert.
Im Innern dieser FortsĂ€tze befindet sich ein GerĂŒst aus Filamenten des Proteins Lokiactin, das mit dem Aktin unserer eigenen Zellen verwandt ist. Durch den dynamischen Umbau dieses GerĂŒsts können die Archaeen ihre Zellform verĂ€ndern und sich ĂŒber OberflĂ€chen bewegen. Die Bildfolge veranschaulicht die Ausbildung und VerĂ€nderung der FortsĂ€tze. Sie stammt aus der Arbeit, die Radler und Kollegen in Nature publiziert haben. Die Studie ist am Ende des Haupttetes verlinkt.
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Ewiges Leben?

Im Laufe unseres Lebens altern nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Zellen. Dabei verÀndern sich zahlreiche Prozesse im Zellinneren, und manche dieser VerÀnderungen lassen sich sogar an der DNA ablesen. Doch sind solche Alterungsprozesse unumkehrbar?

Dieser Frage ist ein Forschungsteam der UniversitÀt Bonn und des UniversitÀtsklinikums Bonn nachgegangen.

Die Forschenden nutzten sogenannte Transkriptionsfaktoren, also Proteine, die beeinflussen, welche Gene in einer Zelle abgelesen werden. Damit programmierten sie VorlÀufer roter Blutkörperchen aus dem Blut von Spendern direkt in neurale Stammzellen um, aus denen spÀter unter anderem Nervenzellen entstehen können.

Dabei beobachteten sie einen bemerkenswerten Effekt. WĂ€hrend der Umwandlung wurden auch die epigenetischen Uhren der Zellen zurĂŒckgestellt. Diese umfassen z.B. bestimmte chemische Markierungen an der DNA, die sich mit zunehmendem Alter verĂ€ndern.

Aus den Blutzellen eines 80-jĂ€hrigen Menschen entstanden so Stammzellen mit einem errechneten epigenetischen Alter von unter 20 Jahren. Auch verschiedene typische Merkmale der Zellalterung waren anschließend kaum noch nachweisbar.

Anders als bei anderen Umprogrammierungsverfahren erfolgte die VerjĂŒngung hier schrittweise ĂŒber mehrere Wochen. Nach etwa 50 Tagen waren die meisten untersuchten altersabhĂ€ngigen epigenetischen VerĂ€nderungen verschwunden.

Dadurch lÀsst sich im nÀchsten Schritt der Prozess genauer untersuchen und möglicherweise herausfinden, welche Mechanismen ihn steuern.

Noch ist das Ganze reine Grundlagenforschung an Zellkulturen, doch langfristig könnten solche Erkenntnisse helfen, altersbedingte Erkrankungen besser zu verstehen und womöglich sogar irgendwann von der Ursache her zu behandeln.

Ich finde diese Forschung gleichermaßen faszinierend und unheimlich. Die Aussicht, eines Tages gesundheitsbedingte EinschrĂ€nkungen des Alters immer weiter und weiter hinauszuzögern, ist natĂŒrlich verlockend. Aber wenn wir immer besser verstehen, wie sich biologische Alterungsprozesse beeinflussen lassen, stellen sich irgendwann auch grundsĂ€tzliche Fragen. Wollen wir eigentlich ewig leben? Und wer bestimmt darĂŒber, wer ewig leben kann?

Quelle:
Berg et al. (2026), Aging Cell
„Protracted Fate Acquisition and Epigenetic De-Aging
During Induced Neural Stem Cell Conversion of Human
Blood Cells“

doi.org/10.1111/


ageing alter unibonn cell stammzellen
+4 Less biologie wissenschaft wisskomm anysci
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KopfĂŒber in die Fluten

Basstölpel sind beeindruckende JĂ€ger. Auf der Suche nach Fischen stĂŒrzen sie sich aus der Luft kopfĂŒber ins Meer und erreichen dabei Geschwindigkeiten von bis zu 110 km/h. Zum Vergleich: Ein Turmspringer erreicht beim Sprung von der Zehn-Meter-Plattform etwa 50 km/h (das sagt jedenfalls Google).

Beim Auftreffen auf die WasseroberflĂ€che wirken enorme KrĂ€fte auf Kopf und Hals. Wie ĂŒberstehen die Vögel diese Belastung, ohne sich dabei schwer zu verletzen?

Ein Forschungsteam der University of Washington hat untersucht, welche Rolle die HalswirbelsĂ€ule dabei spielt. DafĂŒr analysierten die Forschenden die Skelette von 15 Vögeln aus sieben Arten, darunter Basstölpel, Tölpel, Eisvögel und Kormorane. Mithilfe hochauflösender Computertomografie erstellten sie dreidimensionale Modelle der Halswirbel und verglichen deren Form und Aufbau.

Die untersuchten Arten nutzen unterschiedliche Jagdstrategien. WĂ€hrend Tölpel und Eisvögel ihre Beute durch einen kopfĂŒber ausgefĂŒhrten Sturzflug ins Wasser verfolgen, tauchen Kormorane von der WasseroberflĂ€che aus ab und schwimmen unter Wasser ihrer Beute hinterher. Dabei erreichen die Vögel ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten und ihre HalswirbelsĂ€ulen sind entsprechend verschiedenen Belastungen ausgesetzt.

Die Analyse zeigte deutliche Unterschiede im Knochenbau zwischen den verschiedenen Tauchstrategien.

Vögel, die sich kopfĂŒber ins Wasser stĂŒrzen, besitzen vergleichsweise kurze, breite und krĂ€ftige Halswirbel mit vergrĂ¶ĂŸerten GelenkflĂ€chen. Diese Bauweise kann helfen, die beim Aufprall entstehenden KrĂ€fte auf eine grĂ¶ĂŸere FlĂ€che zu verteilen und ein gefĂ€hrliches Abknicken der HalswirbelsĂ€ule zu verhindern.

Besonders ausgeprĂ€gt ist diese Anpassung bei den schnell tauchenden Tölpeln. An den vorderen Halswirbeln entdeckten die Forschenden sogar zusĂ€tzliche GelenkflĂ€chen, die bei den untersuchten Kormoranen und Eisvögeln komplett fehlen. Sie könnten die Beweglichkeit des Halses beim Aufprall gezielt begrenzen und dadurch fĂŒr zusĂ€tzliche StabilitĂ€t sorgen.

Interessant ist dabei, dass die HalswirbelsĂ€ule nicht einfach möglichst starr sein darf. Ihre natĂŒrliche KrĂŒmmung ermöglicht es, einen Teil der Belastung wie eine Feder abzufangen. Ein bischen wie bei der S-Form unserer WirbelsĂ€ule.

Gleichzeitig mĂŒssen die einzelnen Wirbel stabil genug sein, um den enormen KrĂ€ften standzuhalten. Entscheidend ist also das Zusammenspiel von Beweglichkeit und StabilitĂ€t.

Insgesamt zeigt sich hier ein tolles Beispiel fĂŒr den engen Zusammenhang zwischen Anatomie und Lebensweise. Und falls mal die Frage aufkommt, wie man denn an Dinoknochen RĂŒckschlĂŒsse auf deren Lebensweise ziehen kann, konnte hier vielleicht eine Idee vermittelt werden, wie das grundsĂ€tzlich funktionieren kann.

Quelle:
Vandenberg et al. (2026), The Anatomical Record
“Morphological adaptations of cervical vertebrae in plunge-diving sulids”

doi.org/10.1002/


biologie ornithologie vogel evolution anatomie
+4 Less funfact wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt einen Basstölpel im Sturzflug unmittelbar ĂŒber der MeeresoberflĂ€che. Der Kopf des Vogels ist fast senkrecht nach unten gerichtet. Seine FlĂŒgel sind eng an den Körper angelegt und nach hinten angewinkelt. Auf diese Weise kann der Vogel Geschwindigkeiten von ĂŒber 100 Kilometer in der Stunde erreichen. Nach dem Eintauchen können Basstölpel mehrere Meter tief unter die WasseroberflĂ€che gelangen. HĂ€ufig nutzen sie den Schwung ihres Sturzflugs, um unter einen Fischschwarm zu gelangen. Anschließend können sie mit ihren FlĂŒgeln unter Wasser weiter schwimmen und Fische erbeuten, bevor sie wieder auftauchen. Das Foto stammt von Olivier Dugornay und ist unter CC BY 4.0 ĂŒber Wikimedia Commons veröffentlicht. Ich fand es ganz passend zu der Studie. In der Publikation, die ich am Ende de Haupttextes verlinkt habe, finden sich interessante Bilder der verschiedenen Halswirbel, die ich leider aus rechtlichen GrĂŒnden hier nicht so verwenden darf. Schaut sie euch bei Interesse gerne mal an.
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Ein entscheidender Minivorrat

Damit unser Gehirn lernen und sich an neue Erfahrungen anpassen kann, mĂŒssen sich die Verbindungen zwischen Nervenzellen, die Synapsen, verĂ€ndern können. Wissenschaftler sprechen von synaptischer PlastizitĂ€t.

DafĂŒr benötigen sie bestimmte Proteine und das innerhalb kĂŒrzester Zeit. Wie aber wird diese Ressource gewĂ€hrleistet, wenn doch die Synapse meist sehr weit weg vom Zellkörper liegt, dem Ort, wo die Proteine hergestellt werden?

Eine bekannte Lösung besteht darin, nicht die fertigen Proteine, sondern ihre Bauanleitungen in Form von Boten-RNAs (mRNAs) in die FortsÀtze der Nervenzellen zu transportieren. Dort können die Proteine bei Bedarf direkt vor Ort hergestellt werden.

Welche Rolle dieser Mechanismus in der Ă€ußersten Schicht der Großhirnrinde spielt, hat nun ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts fĂŒr Hirnforschung in Frankfurt untersucht.

Diese Hirnschicht enthĂ€lt zahlreiche weit verzweigte FortsĂ€tze von Nervenzellen und entsprechend viele Synapsen, aber nur sehr wenige Zellkörper (grĂŒn im Bild).

Mithilfe verschiedener molekularbiologischer Methoden konnten die Forschenden nachweisen, dass dort tatsĂ€chlich neue Proteine hergestellt werden. Allein an den erregenden Synapsen identifizierten sie mehr als 1.000 (!) unterschiedliche mRNAs. Deren Zusammensetzung unterschied sich deutlich von der in tieferen Schichten der Großhirnrinde, wo eben die Zellkörper liegen.

Das sind mal wieder so Ergebnisse, die mich beinahe ehrfĂŒrchtig werden lassen. Wie „durchdacht“ kleinste Anpassungen auf molekularer Ebene sind, damit das Große Ganze, also am Ende wir, bestmöglich funktioniert.

Erst die schnelle Anpassung der Synapsen ermöglicht, dass wir lernen oder Erinnerungen bilden. Ohne diesen mRNA-Vorrat an den Synapsen wĂ€re das mutmaßlich nicht in dieser QualitĂ€t möglich. Und wir reden hier ĂŒber MolekĂŒle im Nanometerbereich. Wahnsinn!

Quelle
SpanĂČ et al. (2026), Cell Reports „ Localized mRNAs and protein synthesis in cortical
layer 1 “

doi.org/10.1016/


neuroscience gehirn biologie plasticity lernen
+3 Less wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt eine fluoreszenzmikroskopische Aufnahme eines Ausschnitts der Großhirnrinde. Die Großhirnrinde besteht aus insgesamt sechs Schichten, die sich unter anderem durch die Anzahl, Anordnung und Art ihrer Nervenzellen unterscheiden. Im Bild ist der Übergang von der zweiten zur Ă€ußersten, ersten Kortexschicht zu erkennen.
Im unteren Bildbereich liegen zahlreiche dicht gedrĂ€ngte Nervenzellkörper, die grĂŒn angefĂ€rbt sind. Weiter oben nimmt ihre Zahl deutlich ab. Die Ă€ußerste Schicht enthĂ€lt nur wenige Nervenzellkörper, dafĂŒr aber zahlreiche FortsĂ€tze von Nervenzellen aus tiefer gelegenen Schichten.
Besonders auffĂ€llig sind die magentafarbenen Astrozyten. Diese sternförmigen Gliazellen bilden mit ihren zahlreichen feinen FortsĂ€tzen ein weit verzweigtes Netzwerk. Sie ĂŒbernehmen wichtige Aufgaben bei der Versorgung und UnterstĂŒtzung der Nervenzellen und beeinflussen auch die SignalĂŒbertragung an den Synapsen. Die Zellkerne verschiedener Zelltypen sind cyan gefĂ€rbt und erscheinen als kleine, teils ovale Strukturen.
Die unterschiedlichen Farben entstehen durch spezielle Fluoreszenzmarkierungen, mit denen bestimmte Zellbestandteile sichtbar gemacht werden. Das Bild wurde von Teresa SpanĂČ aufgenommen und vom MPI fĂŒr Hirnforschung in Frankfurt am Main zur VerfĂŒgung gestellt.
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BestĂ€uber fĂŒr Saatgut

Der RĂŒckgang bestĂ€ubender Insekten ist ein enormes Problem fĂŒr die Landwirtschaft. Denn zahlreiche Kulturpflanzen sind fĂŒr ihre Fortpflanzung auf Bienen, Hummeln und andere BestĂ€uber angewiesen.

Das betrifft nicht nur die aktuelle Ernte, sondern auch die Produktion von Saatgut fĂŒr die folgenden Anbaujahre. Bei Karotten beispielsweise entwickelt sich die essbare Wurzel unabhĂ€ngig von der BestĂ€ubung, fĂŒr die Gewinnung neuer Samen werden jedoch BestĂ€uber benötigt.

Wie groß diese AbhĂ€ngigkeit ist, hat ein Forschungsteam der UniversitĂ€t Hohenheim genauer untersucht. DafĂŒr werteten sie 116 Studien zu insgesamt 74 landwirtschaftlich wichtigen Kulturpflanzen aus.

Bei 54 Kulturen ließ sich die AbhĂ€ngigkeit der Saatgutproduktion von tierischen BestĂ€ubern bewerten. FĂŒr 17 war sie besonders hoch, fĂŒr weitere 22 hoch. Dazu gehören neben zahlreichen GemĂŒsearten auch wichtige Futterpflanzen.

Welche wirtschaftliche Bedeutung das hat, zeigt eine weitere Untersuchung der Forschungsgruppe.

In einer Modellrechnung fĂŒr Deutschland wurde der jĂ€hrliche wirtschaftliche Wert der BestĂ€ubungsleistungen auf rund 2,3 Milliarden Euro geschĂ€tzt. Wurde die Saatgutproduktion aber mit einbezogen, stieg dieser Wert auf 3,1 Milliarden Euro.

Damit lag er rund ein Drittel höher als bei Berechnungen, die diesen wichtigen Bereich der Landwirtschaft nicht berĂŒcksichtigen.

Ein RĂŒckgang der BestĂ€uber könnte damit weitreichendere Folgen fĂŒr die Landwirtschaft haben, als sich allein an den ErnteertrĂ€gen ablesen lĂ€sst.

Ich finde, die Ergebnisse zeigen einmal mehr, wie eng unsere Lebensmittelproduktion mit funktionierenden Ökosystemen verbunden ist. Der RĂŒckgang der BestĂ€uber betrifft eben nicht nur einzelne Tier- und Pflanzenarten, sondern möglicherweise auch die langfristige StabilitĂ€t unserer Landwirtschaft.

Manchmal wird der Wert der Natur erst dann sichtbar, wenn sie fehlt. Aber muss denn immer erst das Kind in den Brunnen fallen?

Quellen
Krumbe et al. (2025), Agriculture, Ecosystems & Environment

doi.org/10.1016/


Feuerbacher et al. (2024), Environmental and Resource Economics

doi.org/10.1007/


biene insekten biodiversitÀt landwirtschaft biologie
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Das Bild zeigt eine Biene auf leuchtend gelben BlĂŒten. Sie sitzt seitlich auf einer geöffneten BlĂŒte und hat ihren Kopf im BlĂŒtenkelch versunken. Ihr braun-schwarzer Körper und die durchsichtigen, fein geĂ€derten FlĂŒgel sind deutlich zu erkennen. Im Hintergrund befinden sich weitere gelbe BlĂŒten und unscharfe grĂŒne Pflanzenteile. Das Bild wirde von Corinna Schmid aufgenommen und von der UniversitĂ€t Hohenheim fĂŒr die Berichterstattung zu den im Haupttext verlinkten Studien zur VerfĂŒgung gestellt.
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Grundlagenforschung

BauchspeicheldrĂŒsenkrebs gehört zu den besonders schwer behandelbaren Krebsarten. Das liegt unter anderem daran, dass die Tumorzellen von einem dichten, narbenartigen Gewebe umgeben sind, das sie vor der körpereigenen Immunabwehr abschirmen kann.

Dieses sogenannte StĂŒtzgewebe kann bis zu 90 Prozent des Tumors ausmachen. Eine wichtige Rolle spielen dabei bestimmte Bindegewebszellen, die krebsassoziierten Fibroblasten. Sie produzieren nicht nur große Mengen an Kollagen, sondern setzen auch Botenstoffe frei, die die AktivitĂ€t von Immunzellen unterdrĂŒcken.

Ein Forschungsteam des Karlsruher Instituts fĂŒr Technologie (KIT) hat nun untersucht, wie sich diese Fibroblasten gezielt beeinflussen lassen. Im Mittelpunkt stand das OberflĂ€chenprotein CD44, das an der Weiterleitung von Signalen beteiligt ist, die die Zellen aktivieren.

Mithilfe gentechnischer Verfahren schalteten die Forschenden das Gen fĂŒr CD44 in menschlichen Fibroblasten aus BauchspeicheldrĂŒsentumoren aus.

Daraufhin verĂ€nderten die Zellen ihre Form und wurden deutlich weniger aktiv. Sie produzierten weniger Kollagen und schĂŒtteten geringere Mengen bestimmter Botenstoffe aus, die EntzĂŒndungsprozesse fördern und die Immunabwehr hemmen.

In weiteren Laborversuchen konnten T-Zellen, die normalerweise durch diese Botenstoffe gebremst werden, Krebszellen wirksamer abtöten.

Auch im Mausmodell zeigte sich ein deutlicher Effekt. Wurde CD44 in bestimmten Zellen des TumorstĂŒtzgewebes ausgeschaltet, waren die Tumoren nach zwei Wochen etwa 50 Prozent kleiner als bei den Kontrolltieren. Gleichzeitig fanden sich weniger regulatorische T-Zellen im Tumorgewebe, die normalerweise die Immunabwehr bremsen.

Mir ist wichtig zu betonen, dass diese Ergebnisse bislang ausschließlich aus prĂ€klinischer Forschung stammen. Dabei geht es zunĂ€chst darum, biologische Mechanismen besser zu verstehen und ihr Potenzial fĂŒr mögliche spĂ€tere Anwendungen beim Menschen auszuloten.

Bis daraus tatsĂ€chlich neue Therapien entstehen, ist es noch ein weiter weiter Weg. Aber weltweit arbeiten viele Forschende daran, die Behandlungsmöglichkeiten bei Krebserkrankungen zu verbessern. One day


Quelle:
Treffert et al. (2026), Cell Death & Disease, „Loss of CD44 re-educates pancreatic cancer-associated fibroblasts modulating their fibrotic and immunosuppressive functions“

doi.org/10.1038/


bauchspeicheldrusenkrebs pinktober krebsforschung cancer grundlagenforschung
+5 Less biologie KIT wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt zwei fluoreszenzmikroskopischen Aufnahmen von menschliche Bindegewebszellen, die ursprĂŒnglich aus dem Gewebe eines BauchspeicheldrĂŒsentumors stammen und fĂŒr die Untersuchung im Labor kultiviert wurden. Dabei werden bestimmte Zellbestandteile mit fluoreszierenden Farbstoffen sichtbar gemacht.  Solche Zellen werden als krebsassoziierte Fibroblasten bezeichnet. Sie können das Tumorwachstum unterstĂŒtzen, indem sie unter anderem Bindegewebe aufbauen und Botenstoffe freisetzen, die die Immunabwehr beeinflussen.
Links sind die Zellen großflĂ€chig ausgebreitet und besitzen lange, dĂŒnne FortsĂ€tze. Diese lĂ€ngliche Form ist typisch fĂŒr aktivierte Fibroblasten. Aktiviert bedeutet hier, dass die Zellen auf bestimmte Signale aus ihrer Umgebung reagieren und verstĂ€rkt Aufgaben ĂŒbernehmen, die im Tumorgewebe dessen Wachstum begĂŒnstigen können. Dazu gehört beispielsweise die Produktion von Kollagen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Protein CD44, das sich auf der ZelloberflĂ€che befindet. Es ist unter anderem an der Aufnahme und Weiterleitung von Signalen beteiligt, die das Verhalten der Zellen beeinflussen. In der linken Aufnahme ist CD44 grĂŒn angefĂ€rbt.
In der rechten Aufnahme sind Zellen, bei denen die Forschenden das Gen fĂŒr CD44 mithilfe eines gentechnischen Verfahrens ausgeschaltet haben. Die Zellen verlieren dadurch die FĂ€higkeit, auf einige Außensignale zu reagieren und zeigen in der Folge eher rundliche Formen. Sie sind insgesamt weniger ausgebreitet. Die blaue Markierung zeigt die Zellkerne.
Die verĂ€nderte Zellform ist ein sichtbares Anzeichen dafĂŒr, dass die Zellen ihren Aktivierungszustand verĂ€ndert haben und womöglich einen Teil ihrer tumorfördernden Eigenschaften verlieren.
Das Bild stammt aus der Arbeit von Treffert et al, die am Ende des Haupttextes verlinkt ist. Es wurde vom Karlsruher Instituts fĂŒr Technologie fĂŒr die Berichterstattung zu dieser Forschung zur VerfĂŒgung gestellt.
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Lachse im Rheinsystem?

FrĂŒher war der Atlantische Lachs im Rhein weit verbreitet. Doch GewĂ€sserverschmutzung, Überfischung und der Bau von Wanderhindernissen ließen die BestĂ€nde immer weiter schrumpfen. In den 1950er-Jahren galt die Art im Rheinsystem schließlich als ausgestorben.

Seit den 1980er-Jahren wird deshalb versucht, den Lachs wieder anzusiedeln. JĂ€hrlich werden inzwischen mehr als eine Million Jungfische aus Aufzuchtstationen in geeignete NebenflĂŒsse eingesetzt.

Langfristig sollen wieder Populationen entstehen, die sich ohne menschliche UnterstĂŒtzung erhalten können. DafĂŒr mĂŒssen die Tiere ihren Lebenszyklus erfolgreich durchlaufen. Sie wachsen zunĂ€chst im SĂŒĂŸwasser heran, wandern ins Meer und kehren nach einigen Jahren zum Laichen in ihre HeimatgewĂ€sser zurĂŒck.

Aber wie weit ist die Wiederansiedlung nach mehreren Jahrzehnten nun tatsÀchlich gekommen? Das untersuchte das Forschungsprojekt GeMoLaR unter Leitung der Rheinland-PfÀlzischen Technischen UniversitÀt Kaiserslautern-Landau.

Die Forschenden analysierten mehr als 15.000 genetische Proben, um die Herkunft der Lachse nachzuvollziehen und herauszufinden, wie viele Jungfische tatsĂ€chlich aus natĂŒrlicher Fortpflanzung stammen.

Die Ergebnisse fallen ernĂŒchternd aus. Zwar kehren durchaus erwachsene Lachse ins Rheinsystem zurĂŒck, doch die BestĂ€nde sind weiterhin stark von den Besatzprogrammen abhĂ€ngig.

In der Agger wurden beispielsweise nur etwa fĂŒnf Prozent der untersuchten Junglachse als mögliche Naturbrut eingestuft. Im Kinzigsystem ließen sich sogar sĂ€mtliche 742 untersuchten Junglachse auf Besatzmaßnahmen zurĂŒckfĂŒhren.

Hinzu kommt, dass die Zahl der zurĂŒckkehrenden Lachse seit 2018 trotz weitgehend unverĂ€nderter BesatzaktivitĂ€ten deutlich gesunken ist.

Nach Jahrzehnten intensiver BemĂŒhungen gibt es im Rheinsystem somit noch immer keine etablierten, selbsttragenden Lachspopulationen.

Die Forschenden betonen deshalb, dass das Aussetzen von Jungfischen allein nicht ausreicht. Entscheidend sind auch durchgĂ€ngige FlĂŒsse, geeignete Laichgebiete und LebensrĂ€ume fĂŒr Jungfische. Niedrigwasser und steigende Wassertemperaturen erschweren die Situation zusĂ€tzlich.

Das Forschungsprojekt selbst liefert dennoch einen wichtigen Beitrag. Mit genetischen Methoden lĂ€sst sich nun wesentlich genauer ĂŒberprĂŒfen, welche Besatzmaßnahmen erfolgreich sind und wo schon natĂŒrliche Fortpflanzung stattfindet. Dies soll helfen, die Programme kĂŒnftig gezielter zu gestalten.

FĂŒr mich wirft das eine ganz grundsĂ€tzliche Frage auf, mit einem ziemlich bitteren Beigeschmack. Wie sinnvoll ist eigentlich dieses jahrzehntelange Aussetzen von Jungfischen, wenn die ökologischen Voraussetzungen fĂŒr eine dauerhaft selbsttragende Population offenbar noch nicht ausreichend gegeben sind?

Wie viel Energie, Ressourcen und Arbeit da bereits investiert worden sind, ohne das eigentliche Ziel zu erreichen! Und ist es nicht auch ein fragwĂŒrdiger Eingriff in die Natur, jĂ€hrlich eine Million Jungfische auszusetzen, obwohl ihre langfristigen Überlebens- und Fortpflanzungschancen offenbar begrenzt sind? Ich wundere mich und fĂŒhle mich ratlos.

Quelle: GeMoLaR (2026), Abschlussbericht und Leitfaden zur Wiederansiedlung des Atlantischen Lachses im Rheingebiet, RPTU Kaiserslautern-Landau.

ble.de/Atlantischer-Lachs

Lachs Rhein Artenschutz Naturschutz BiodiversitÀt
+5 Less Biologie BLE Wissenschaft Wisskomm anysci
Das Bild zeigt, wie junge Lachse mit einem Kescher aus einem BehĂ€lter gehoben werden. Solche Jungfische werden seit Jahrzehnten in NebenflĂŒssen des Rheins ausgesetzt, um den Atlantischen Lachs dort wieder anzusiedeln. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Entwicklung einer sich dauerhaft selbsttragenden Populationen schleppend lĂ€uft. Die BestĂ€nde sind weiterhin auf regelmĂ€ĂŸige Aussetzungen angewiesen. Das Foto wurde von J. GĂ€hrken aufgenommen und vom LANUV NRW zur VerfĂŒgung gestellt.
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Nicht einfach nur schön

Die auffĂ€lligen Farben und Muster vieler Schmetterlinge erfĂŒllen ganz unterschiedliche Funktionen. Sie können beispielsweise der Tarnung, der Partnerwahl oder der Warnung vor Fressfeinden dienen.

Ein Forschungsteam der University of Exeter hat nun untersucht, ob die Muster es möglicherweise auch erschweren, dass Fressfeinde die Flugbewegungen richtig einschÀtzen.

Die Idee dahinter ist, dass sich die FlĂŒgel beim Fliegen stĂ€ndig auf und ab bewegen, wĂ€hrend der Körper gleichzeitig vorwĂ€rts fliegt. Kontrastreiche Streifen und andere Muster erzeugen dabei zusĂ€tzliche Bewegungsreize, die sich teilweise mit der tatsĂ€chlichen Flugrichtung ĂŒberlagern können und so RĂ€uber irritieren.

Um diesen möglichen Effekt zu untersuchen, filmten die Forschenden zunÀchst startende Schmetterlinge mit Hochgeschwindigkeitskameras (werft bei Interesse gerne einen Blick in das Supplementary Material der Studie).

Anschließend analysierten sie die Aufnahmen mit einem Computermodell, das die Bewegungsverarbeitung im visuellen System von Vögeln nachbildet und verschiedene Bewegungsrichtungen darstellte.

ZusĂ€tzlich simulierten sie die Flugbewegungen von 757 unterschiedlichen FlĂŒgelvarianten aus 397 europĂ€ischen Schmetterlingsarten.

Besonders kontrastreiche Muster und bestimmte Streifenanordnungen erzeugten starke widersprĂŒchliche Bewegungssignale.

Ob solche visuellen TĂ€uschungen tatsĂ€chlich Angriffe beeinflussen können, ĂŒberprĂŒfte das Team mit 100 menschlichen Versuchspersonen. Diese sollten auf einem Bildschirm fliegende, digital animierte Schmetterlinge mit dem Finger treffen.

TatsĂ€chlich verschoben sich die Angriffspunkte abhĂ€ngig vom jeweiligen FlĂŒgelmuster. Bei Mustern mit besonders starken TĂ€uschungseffekten landeten die „Angriffe“ hĂ€ufiger hinter dem Schmetterling.

Die Ergebnisse sprechen dafĂŒr, dass auffĂ€llige FlĂŒgelmuster nicht nur im Ruhezustand eine Funktion erfĂŒllen, sondern gerade im Zusammenspiel mit der Bewegung ihre Bedeutung zeigen.

Ob und wie stark dieser Vorteil auch bei tatsÀchlichen Angriffen durch Vögel zum Tragen kommt, muss allerdings noch untersucht werden.

Ich vermute mal, das Team rekrutiert gerade 100 freiwillige Meisen.

Quelle :
Hancock et al. (2026), Nature, „Butterfly wing patterns in flight create powerful illusory motion cues“

doi.org/10.1038/


schmetterlinge biologie nature butterfly wissenschaft
+2 Less wisskomm anysci
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Alarm in der Wurzel

Wurzeln sind im Boden gut verborgen, aber keineswegs vor Angriffen geschĂŒtzt. Insektenlarven oder Nematoden können sie verletzen und sich anschließend weiter durch das Wurzelsystem bewegen.

FĂŒr die Pflanze ist es deshalb sinnvoll, nicht nur am Ort der Verletzung zu reagieren, sondern auch benachbarte, noch unbeschĂ€digte Wurzeln auf die mögliche Gefahr vorzubereiten. Wie die Information ĂŒber eine Verletzung innerhalb des Wurzelsystems weitergegeben wird, war bislang allerdings nicht so gut verstanden.

Ein Forschungsteam der Uni WĂŒrzburg hat diesen Signalweg nun an der Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana untersucht. DafĂŒr verletzten die Forschenden einzelne Zellen oder grĂ¶ĂŸere Bereiche einer Seitenwurzel und zeichneten unter anderem elektrische VerĂ€nderungen und Kalziumsignale auf.

Dabei zeigte sich ein erstaunlich schneller Übertragungsweg. Durch die Verletzung fĂ€llt der Druck in den Zellen ab. Dieser Druckverlust breitet sich durch das verbundene Wurzelsystem aus und erreicht benachbarte Seitenwurzeln mit rund 75 Millimetern pro Sekunde.

Dort reagieren sogenannte mechanosensitive IonenkanĂ€le (z.B. MCA1) auf die DruckĂ€nderung. Die mechanische Reizung fĂŒhrt also zu einer Öffnung dieser KanĂ€le und einem entsprechenden Einstrom von Kalzium (Ca2+). Diese positive Ladung fĂŒhrt zu einer Aktivierung von Prozessen in der Zelle, die letzlich unter anderem zu einer Aktivierung von Genen fĂŒr Abwehrreaktionen fĂŒhren.

Auf diese Weise kann eine Verletzung auch in noch unbeschÀdigten Nachbarwurzeln Reaktionen auslösen und sie damit quasi vorsorglich auf eine drohende Gefahr vorbereiten.

Quelle:
Baudon et al. (2026), Science Advances, „MCA1 mechanosensitive channels enable fast communication of wound signals between lateral roots“

science.org/doi/


arabidopsis biologie uniwĂŒrzburg science wissenschaft
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Das Bild zeigt eine schematische Darstellung einer Pflanze mit einem verzweigten Wurzelsystem. Eine Seitenwurzel wird mechanisch verletzt. Eine vergrĂ¶ĂŸerte Darstellung zeigt, dass dadurch der Druck in den verletzten Zellen abfĂ€llt. Dieser Druckverlust breitet sich als mechanisches Signal durch das Wurzelsystem bis zu einer benachbarten Seitenwurzel aus. Dort reagieren mechanosensitive MCA1-IonenkanĂ€le auf die DruckĂ€nderung und lösen unter anderem Kalziumsignale aus. Glutamat-Rezeptoren, kurz GLR, sind an der VerstĂ€rkung der Reaktion beteiligt. Die Signalkette trĂ€gt schließlich dazu bei, Abwehrreaktionen in der noch unverletzten Wurzel zu aktivieren. Die Abbildung wurde von Angel Baudon von der UniversitĂ€t WĂŒrzburg erstellt und fĂŒr die Berichterstattung ĂŒber diese Forschung zur VerfĂŒgung gestellt.
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Ist Zivilcourage biochemisch erklÀrbar?

Vor einiger Zeit hatte ich hier eine Studie vorgestellt, die untersuchte, welche Ameisen verletzte Nestgenossinnen versorgen. Dabei zeigte sich, dass vor allem Arbeiterinnen in einer bestimmten Lebensphase diese Aufgabe ĂŒbernehmen und ihre sozialen Kontakte dabei eine wichtige Rolle spielen.

Eine andere Studie geht nun einen Schritt weiter auf die Ebene des einzelnen Tieres und fragt: Wenn mehrere Arbeiterinnen eine Nestgenossin in Not wahrnehmen können, warum versuchen einige von ihnen zu helfen und andere nicht?

DafĂŒr untersuchte ein Forschungsteam der UniversitĂ€ten Mainz und Tel Aviv die WĂŒstenameise Cataglyphis nigra.

Im Experiment wurde eine Arbeiterin am Boden einer mit Sand bedeckten Arena festgebunden (ja, wirklich). Einige Nestgenossinnen versuchten daraufhin, die fixierte Ameise durch Ziehen und Graben zu befreien. Andere nÀherten sich zwar, griffen aber nicht ein.

Anschließend verglichen die Forschenden Körperbau und Energiereserven beider Gruppen und untersuchten, welche Gene in verschiedenen Bereichen des Gehirns und in den Antennen bei den verschiedenen Ameisen aktiv waren.

KörpergrĂ¶ĂŸe, GehirngrĂ¶ĂŸe oder Fettreserven konnten die Unterschiede im Verhalten nicht erklĂ€ren. DafĂŒr unterschied sich aber die GenaktivitĂ€t, besonders deutlich in den sogenannten Pilzkörpern. Diese Bereiche des Insektengehirns sind unter anderem daran beteiligt, Sinnesinformationen zu verarbeiten und miteinander zu verknĂŒpfen.

Bei den helfenden Ameisen waren dort 15 Gene stÀrker aktiv, darunter Gene, die mit Geruchsverarbeitung, Hormonsteuerung und Immunfunktionen zusammenhÀngen.

Gerade Letzteres ist interessant, denn Immungene können bei Insekten neben der Abwehr von Krankheitserregern auch Prozesse im Nervensystem und damit Verhalten beeinflussen. Welche Rolle sie beim Rettungsverhalten aber genau spielen, ist allerdings noch offen.

Zusammen zeigen die beiden Studien, wie viele Ebenen hinter dem Helfen in einem Ameisenstaat stecken.

Soziale Kontakte und Arbeitsteilung beeinflussen, welche Tiere ĂŒberhaupt in entsprechende Situationen geraten. Gleichzeitig können sich einzelne Arbeiterinnen darin unterscheiden, ob oder wie sie eine Notsituation ĂŒberhaupt wahrnehmen.

Ob sich damit ein Konzept wie “Zivilcourage”, zumindest bei Ameisen, tatsĂ€chlich biochemisch erklĂ€ren lĂ€sst, ist noch eine ziemlich große Frage, die ich zu Beginn zugegebenermaßen ziemlich ĂŒberspitz habe.

Dennoch finde ich es unheimlich spannend, wie selbst bei einem Insekt komplexe und eben auch individuelle Verhaltensweisen entstehen.

Ich bin gespannt, was ich noch dazu finde.

Und ich bin froh, dass es heute mit dem Upload geklappt hat. Danke auch fĂŒr eure RĂŒckmeldungen!

Quelle:
Jaimes-Nino et al. (2026), Journal of Experimental Biology, „Transcriptional predictors of rescue behaviour in ants“

doi.org/10.1242/


ameise JGU unimainz zivilcourage biologie
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Das Bild zeigt zwei schwarze WĂŒstenameisen auf hellem Sand. Sie befinden sich in einem Versuchsaufbau, bei dem eine Ameise am Boden fixiert ist, wĂ€hrend die andere versucht, sie zu befreien. Solches Ziehen, Beißen am Faden oder Graben werteten die Forschenden als Rettungsverhalten. Nicht alle Ameisen, die diese Szenerie wahrnehmen konnten, reagierten auf diese Weise. Als Nicht-Helferinnen galten Tiere, die sich der fixierten Ameise bis auf wenige Zentimeter nĂ€herten, wĂ€hrend der 15-minĂŒtigen Beobachtungszeit aber kein Rettungsverhalten zeigten. In diesem Versuchsaufbau lebten jeweils 40 markierte Arbeiterinnen derselben Kolonie zusammen und hatten Zugang zu der Arena mit der fixierten Nestgenossin.  Auf diese Weise konnten die Forschenden gezielt Ameisen vergleichen, die eben unterschiedlich reagierten. DAs Foto wurde von Susanne Foitzik aufgenommen und von der Johannes Gutenberg-UniversitĂ€t Mainz zur VerfĂŒgung gestellt. Es findet sich außerdem in der Originalpublikation, die ich am Ende des Haupttextes verlinkt habe.
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Vielleicht kann es mir jemand erklÀren: Ich kann heute Abend kein Bild hochladen. Das Problem hatte ich schon mal und das war dann am nÀchsten Morgen weg?

Ist das System ĂŒberlastet oder liegt der Fehler bei mir?

Ich hatte einen schönen Beitrag vorbereitet (meine Art, mit dem Tag abzuschließen), aber der muss wohl dann warten. Mit den Bildern gebe ich mir schon auch viel MĂŒhe und das möchte ich nicht einfach weglassen.

Oder wie seht ihr das? Ist ohne Bild auch ok oder vielleicht sogar besser?

Fragen ĂŒber Fragen.

Bin heute Abend zu verkopft
.aaaarg

anysci hilfe feedback
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ÜberlebenskĂŒnstlerin mit Hochleistungsstoffwechsel

Wer hĂ€tte gedacht, dass es Algen in der WĂŒste gibt? TatsĂ€chlich, in den Sandkrusten der Negev lebt eine winzige GrĂŒnalge unter ziemlich extremen Bedingungen.

Chlorella ohadii muss starke Sonneneinstrahlung, Austrocknung und große Temperaturschwankungen verkraften. Gleichzeitig gehört sie zu den am schnellsten wachsenden bekannten photosynthetischen Eukaryoten.

Unter gĂŒnstigen Bedingungen kann sich ihre Zellzahl innerhalb von etwa 1,5 bis 2,5 Stunden verdoppeln. Das liegt eher in der GrĂ¶ĂŸenordnung schnell wachsender Hefen.

Genau diese ungewöhnliche Kombination aus WiderstandsfÀhigkeit und schnellem Wachstum macht die Alge inzwischen zu einem interessanten Modellorganismus in der Pflanzenforschung.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit der Rheinland-PfĂ€lzischen Technischen UniversitĂ€t Kaiserslautern-Landau (RPTU) fasst zusammen, wie C. ohadii mit den extremen Bedingungen ihres Lebensraums zurechtkommt.

Eine wichtige Rolle spielt ihr ungewöhnlich robuster Photosyntheseapparat. Selbst sehr starkes Licht, das anderen Pflanzen normalerweise Probleme bereitet, schÀdigt das Photosystem II, einen zentralen Proteinkomplex der Photosynthese, kaum.

Eine kleine Lichtsammelantenne und besondere Wege des Elektronentransports helfen zusĂ€tzlich dabei, ĂŒberschĂŒssige Energie zu vermeiden oder abzuleiten. So kann die Alge auch bei hoher LichtintensitĂ€t effizient Photosynthese betreiben.

Das ist besonders wichtig, weil ihr in der WĂŒste oft nur kurze feuchte Phasen fĂŒr aktives Wachstum bleiben. Sobald genĂŒgend Wasser und Licht zusammentreffen, fĂ€hrt C. ohadii ihren Stoffwechsel schnell hoch und wĂ€chst mit enormer Geschwindigkeit. Ihre außergewöhnliche Wachstumsrate könnte damit gerade eine Anpassung an die kurzen gĂŒnstigen Zeitfenster ihres Lebensraums sein.

Interessant sind diese Eigenschaften insbesondere fĂŒr Nutzpflanzen. Forschende untersuchen bereits, ob sich einzelne Proteine (bzw. die entsprechenden Gene) oder Stoffwechselwege der WĂŒstenalge nutzen lassen, um Nutzpflanzen weiter zu optimieren.

In der Praxis erweist sich diese Idee allerdings als sehr komplex, denn die WiderstandsfÀhigkeit von C. ohadii beruht auf einem Zusammenspiel zahlreicher struktureller und metabolischer Anpassungen an diesen extremen Lebensraum.

Ob und welche einzelnen Bausteine sich erfolgreich auf Nutzpflanzen ĂŒbertragen lassen, ist noch völlig offen.
Dennoch ist die kleine Alge ein spannendes Modell dafĂŒr, welche SpielrĂ€ume die die Biochemie in Pflanzenzellen tatsĂ€chlich haben kann.

Quelle
Geffen et al. (2026), New Phytologist, „Extending the limits of algal growth and stress resilience – the desert alga Chlorella ohadii as an emerging model“

nph.onlinelibrary.wiley.com/doi/


negev RPTU biologie botanik extrem
+3 Less wissenschaft wisskomm anysci
Das Foto zeigt eine Nahaufnahme einer sogenannten biologische Sandkruste in der Negev-WĂŒste in Israel. Die OberflĂ€che besteht aus hellbraunem, verfestigtem Sand mit unregelmĂ€ĂŸigen dunklen Flecken. Die dunkle FĂ€rbung geht laut Bildlegende vor allem auf fadenförmige Cyanobakterien zurĂŒck. Solche biologischen Sandkrusten werden von Gemeinschaften verschiedener Mikroorganismen besiedelt. Aus ihnen wurde auch die einzellige GrĂŒnalge Chlorella ohadii isoliert. Sie ist auf dem Foto selbst nicht zu erkennen, lebt aber in diesem extremen Lebensraum. Forschende untersuchen an ihr, wie Photosynthese unter solchen Bedingungen funktionieren kann. Das Foto stammt von Haim Treves von der RPTU ind begleitet niht nur die Berichterstattung zu dieser Studie, sondern ist auch in der Publikation selbst zu finden. Die Studie ist wie immer am Ende des Haupttextes verlinkt.
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Von der Hummel zur Drohne

Eine BlĂŒte bewegt sich im Wind hin und her. FĂŒr eine Hummel bedeutet das, dass sie im Anflug nicht nur abbremsen und den richtigen Abstand schĂ€tzen muss. Sie muss gleichzeitig der Bewegung der BlĂŒte folgen, ihren eigenen Körper stabilisieren und das Ziel im Blick behalten.

Wie ihr Nervensystem diese verschiedenen Informationen in passende Flugbewegungen ĂŒbersetzt, hat ein Forschungsteam der Wageningen University in den Niederlanden nun mit einer, wie ich finde, spannenden Kombination aus Verhaltensexperimenten, Hochgeschwindigkeitsaufnahmen und mathematischen Modellen untersucht.

DafĂŒr trainierten sie Hummeln darauf, auf einer kĂŒnstlichen BlĂŒte zu landen, die sich gleichmĂ€ĂŸig zweimal pro Sekunde seitlich hin und her bewegte. Drei Hochgeschwindigkeitskameras zeichneten die Manöver auf.

Anschließend wurden Kopf, Körper und die FlĂŒgel automatisch in den Bildern verfolgt und daraus die 3D Flugbewegungen rekonstruiert. Insgesamt analysierte das Team 48 Landungen.

Die Hummeln folgten der Bewegung der BlĂŒte erstaunlich genau und kippten ihren Körper dabei immer wieder seitlich, Ă€hnlich wie ein Hubschrauber, der durch Neigung seine Schubrichtung verĂ€ndert.

Die Forschenden entwickelten anschließend aus den gesammelten Daten mathematische Modelle dafĂŒr, wie die Hummeln ihren Flug steuern.

Diese deuten darauf hin, dass sie sich vor allem daran orientieren, wie schnell sich die BlĂŒte durch ihr Blickfeld bewegt. Zusammen mit Informationen ĂŒber die eigene Drehbewegung reicht das offenbar aus, um der BlĂŒte zu folgen und sie beim Landeanflug im Blick zu behalten. Wo genau sich die BlĂŒte im Blickfeld befindet, scheint hingegen kaum eine Rolle zu spielen.

Genau dieser letzte Punkt macht die Arbeit auch fĂŒr die Robotik interessant. Kleine Flugroboter mĂŒssen bewegliche Ziele ebenfalls schnell erfassen und ihre eigenen Bewegungen laufend korrigieren, haben aber nur begrenzte Rechenleistung und Sensorik. Die Hummeln zeigen, dass dafĂŒr möglicherweise erstaunlich einfache RĂŒckkopplungsregeln ausreichen.

Noch bildet das Experiment allerdings eine stark vereinfachte Situation ab. Die kĂŒnstliche BlĂŒte bewegte sich regelmĂ€ĂŸig in nur einer Richtung. Wie gut dasselbe Prinzip bei den unregelmĂ€ĂŸigen Bewegungen einer echten BlĂŒte im Wind funktioniert, muss sich erst noch zeigen.

Die Autoren schlagen sogar selbst vor, das entwickelte Modell kĂŒnftig direkt mit Flugrobotern und unter komplexeren Bedingungen zu testen.

Die Hummeln lieferten also die Grundlage, nun könnte es ohne sie weitergehen.

Quelle:

Wang et al. (2026), Journal of the Royal Society Interface

doi.org/10.1098/


hummel insekten bumblebee biologie bionik
+4 Less robotik wissenschaft wisskomm anysci
Die Abbildung zeigt eine Hummel beim Anflug auf die kĂŒnstliche BlĂŒte, die sich seitlich hin und her bewegt. Die Aufnahme ist von oben zu sehen, die Hummel befindet sich links unten und die BlĂŒte rechts oben. Farbige Pfeile und gestrichelte Linien markieren verschiedene GrĂ¶ĂŸen, mit denen die Forschenden die Bewegungen von Hummel und BlĂŒte mathematisch beschrieben haben. Die blauen Pfeile stehen fĂŒr die Geschwindigkeit der Hummel, die grĂŒnen fĂŒr ihre Beschleunigung. An der BlĂŒte zeigen entsprechende Pfeile deren seitliche Geschwindigkeit und Beschleunigung. Die roten Pfeile geben die seitlichen Positionen von Hummel und BlĂŒte innerhalb des Versuchsaufbaus sowie ihren Abstand zueinander an. Aus diesen ganzen MessgrĂ¶ĂŸen konnten die Forschenden rekonstruieren, wie genau die Hummel der hin und her schwingenden BlĂŒte folgt, und anschließend Modelle ihrer Flugsteuerung entwickeln. Die Abbildung stammt aus der Publikation von Wang und Kollegen Journal of the Royal Society Interface (Abbildung 2d). Der Link zur Studie befindet sich am Ende des Haupttextes.
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Leben unter dem Eis von Enceladus?

Unter der dicken Eiskruste des Saturnmondes Enceladus liegt ein globaler Ozean, an dessen Grund vermutlich heißes Wasser mit dem felsigen Kern reagiert.

Im letzten Jahr zeigte eine Studie, dass dort eine erstaunlich vielfÀltige organische Chemie stattfindet. Letztes Jahr war ich noch nicht hier, daher gibt es den alten Beitrag nur auf Facebook, aber ich verlinke die alte Studie auch nochmal unten.

Falls an dieser Stelle zu der Ă€lteren Studie mehr Infos gesĂŒnscht sind, teile ich den Ă€lteren Beitrag hier gerne auch nochmal. Einfach fragen.

Eine neue Arbeit setzt jedenfalls nun mit der Frage an, ob die bekante Chemie dieses Ozeans auf Enceladus tatsÀchlich einen Stoffwechsel ermöglichen könnte?

DafĂŒr hat ein Forschungsteam der LMU MĂŒnchen einige der vermuteten Bedingungen am Meeresboden von Enceladus im Labor nachgebildet.

In sauerstofffreiem, stark alkalischem Wasser kombinierten die Forschenden Mineralien, die dem felsigen Kern des Mondes entsprechen sollen.

Bei den Wasser-Gesteins-Reaktionen entstand Wasserstoff. Genau solche Prozesse könnten auch am Meeresboden von Enceladus stattfinden.

Anschließend gaben die Forschenden Methanothermococcus okinawensis hinzu, ein Archaeon, das ursprĂŒnglich an einer hydrothermalen Quelle in unserem Meer entdeckt wurde und Wasserstoff als Energiequelle nutzen kann.

Und tatsĂ€chlich wuchsen die Archaeen selbst bei einem pH-Wert von 11 und produzierten Methan. Das ist bemerkenswert, weil bei einem so hohen pH kaum frei verfĂŒgbares CO₂ vorhanden ist.

Der grĂ¶ĂŸte Teil des anorganischen Kohlenstoffs liegt stattdessen als Hydrogencarbonat und Carbonat vor. Genanalysen zeigten jedoch, dass die Zellen unter diesen Bedingungen verstĂ€rkt Teile ihres Stoffwechsels zur CO₂-Fixierung aktivierten. Offenbar konnten sie so selbst die sehr geringen CO₂-Mengen noch fĂŒr ihren Aufbau nutzen.

Energie und Kohlenstoff fĂŒr das Wachstum stammten damit letztlich aus Bedingungen, die gezielt nach dem Vorbild von Enceladus erzeugt worden waren.

Das bedeutet natĂŒrlich nicht, dass in dem Ozean dort tatsĂ€chlich Archaeen leben. ABer es könnte durchaus sein.

Einige der chemischen Voraussetzungen, die Cassini in der Àlteren Studie auf Enceladus nachgewiesen hat, könnten grundsÀtzlich ausreichen, um einen irdischen Mikroorganismus mit Energie und Kohlenstoff zu versorgen.

Quellen:

Helmbrecht et al., 2026, Science Advances
science.org/doi/


Khawaja et al., 2025, nature astronomy
doi.org/10.1038/


Bildquelle:

science.nasa.gov/solar-system/


biologie astrobiologie science LMU enceladus
+8 Less saturn archaeen leben weltall astronomy wissenschaft wisskomm anysci
Das Bild zeigt den Saturnmond Enceladus vor dem schwarzen Hintergrund des Weltraums. Seine helle, eisbedeckte OberflĂ€che ist von zahlreichen Rissen, Furchen und unterschiedlich stark zerklĂŒfteten Bereichen durchzogen. Einige Bruchlinien ziehen sich ĂŒber große Teile der OberflĂ€che. Unter dieser Eiskruste befindet sich ein globaler Ozean aus flĂŒssigem Wasser. Hinweise darauf lieferte unter anderem die Raumsonde Cassini. Sie beobachtete am SĂŒdpol gewaltige FontĂ€nen, in denen Wasserdampf und Eispartikel aus Spalten der OberflĂ€che ins All geschleudert werden. Cassini flog mehrfach durch diese FontĂ€nen und konnte ihre Bestandteile direkt untersuchen. Zusammen mit Messungen des Schwerefeldes und der Bewegung der Eiskruste sprechen diese Daten dafĂŒr, dass sich unter dem Eis ein globaler Ozean befindet. Die aktuelle Studie geht nun der Frage nach, ob die dort vermuteten chemischen Bedingungen grundsĂ€tzlich auch einen mikrobiellen Stoffwechsel ermöglichen könnten. Das Bild stammt von NASA, Jet Propulsion Laboratory (JPL) und Space Science Institute (SSI). Die Seite ist im Haupttext ebenfalls verlinkt.
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Was braucht ein Nutztier fĂŒr ein gutes Leben?

Heute ist Welttag der Nutztiere. Ein guter Anlass fĂŒr die Frage, woran wir eigentlich erkennen, ob es einem Nutztier gut geht.

Gesundheit und eine ausreichende Versorgung gehören natĂŒrlich dazu. In der Tierwohlforschung spielen inzwischen aber ebenso Sozialkontakte, natĂŒrliches Verhalten und die Haltungsumgebung eine wichtige Rolle. Dazu hatten wir hier neulich schon mal einen Beitrag.

Wie komplex das werden kann, zeigt die kuhgebundene KĂ€lberaufzucht. Anders als in der ĂŒblichen Milchviehhaltung bleiben KĂ€lber dabei zunĂ€chst bei ihrer Mutter oder einer Ammenkuh und können direkt am Euter trinken.

Kuh und Kalb können so ihr natĂŒrliches Verhalten ausleben. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen. Beispielsweise lĂ€sst sich schlechter kontrollieren, wie viel Milch ein Kalb tatsĂ€chlich aufnimmt, und auch die spĂ€tere Trennung kann fĂŒr die Tiere belastend sein.

Forschende der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (Anmerkung siehe unten) schauen deshalb genauer hin, was Kuh und Kalb tatsÀchlich brauchen.

Im Projekt KuKIndiTM beobachteten sie zum Beispiel, wie viel Kontakt die Tiere miteinander haben, wie aktiv die KĂ€lber sind und wie sie sich entwickeln. Sensoren halfen dabei, Bewegungen und AktivitĂ€ten ĂŒber lĂ€ngere Zeit zu verfolgen.

Gleichzeitig geht es aber auch um die Menschen, die ein solches Haltungssystem im Alltag umsetzen mĂŒssen. In weiteren Projekten untersucht die Hochschule deshalb auch, wie sich mehr Tierwohl mit Vermarktung, regionalen KreislĂ€ufen und einer wirtschaftlich tragfĂ€higen Landwirtschaft verbinden lĂ€sst. Denn eine gute Idee fĂŒr mehr Tierwohl muss am Ende auch auf dem Bauernhof funktionieren.

Wie wir Nutztiere halten, ist letztlich also nicht nur eine wissenschaftliche Frage. Welche BedĂŒrfnisse wir ihnen zugestehen und welchen Aufwand wir fĂŒr ihr Wohlergehen akzeptieren, ist auch eine gesellschaftliche Entscheidung, die wir letztlich auch durch unser eigenes Konsumverhalten mitsteuern.

Gleichzeitig mĂŒssen die Lösungen fĂŒr die landwirtschaftlichen Betriebe tatsĂ€chlich umsetzbar und vor allen Dingen wirtschaftlich sein.

Quelle: Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, Forschungsprojekte

hswt.de/forschung/


Anmerkung: Die staatliche Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ist trotz des gemeinsamen Namens nicht mit der Molkerei Weihenstephan verbunden, sie haben schlicht denselben lokalen Bezug. Die hier vorgestellten Forschungsprojekte werden öffentlich durch das Bayerische Landwirtschaftsministerium gefördert.

biologie tierwohl nutztiere rinder landwirtschaft
+3 Less HSWT wisskomm anysci
Das Foto zeigt eine braune Kuh mit ihrem jungen Kalb in einem mit Stroh eingestreuten Stall. Das helle Kalb steht dicht neben seiner Mutter, die den Kopf zu ihm hinunterbeugt und es an Kopf und Hals ableckt. Im Vordergrund sind angeschnitten weitere Rinder zu erkennen, die den Stall offenbar gemeinsam nutzen. Das Bild veranschaulicht den engen körperlichen und sozialen Kontakt zwischen Kuh und Kalb, der bei der kuhgebundenen KĂ€lberaufzucht ĂŒber die ersten Tage nach der Geburt hinaus erhalten bleibt. Das Kalb kann bei seiner Mutter am Euter trinken und dabei natĂŒrliche Verhaltensweisen unmittelbar ausleben. Genau solche Aspekte versucht die Tierwohlforschung neben der körperlichen Gesundheit der Tiere zu erfassen. Das Foto fĂŒrde von Joanna Kantwerk aufgenommen und von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf fĂŒr die Berichterstattung ĂŒber ihre Forschungsprojekte zur VerfĂŒgung gestellt.
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Tinder fĂŒr Fische

Bei der Partnerwahl mĂŒssen auch Tiere viele Merkmale gleichzeitig bewerten. Welche davon wichtig sind, untersuchen Forschende z.B. indem sie zwei mögliche Partner prĂ€sentieren, die sich gezielt in einem Merkmal unterscheiden.

Ein Forschungsteam der University of Exeter hat diesen Aufbau nun quasi mit einem Partnergenerator digitalisiert.

Im Zentrum der Forschung stehen GrĂŒne SchwerttrĂ€ger. Die Fische bekamen auf zwei Bildschirmen animierte Artgenossen des jeweils anderen Geschlechts gezeigt. KörpergrĂ¶ĂŸe, FĂ€rbung, Streifenmuster und bei den MĂ€nnchen auch das namensgebende „Schwert“ konnten dabei variieren.

Der digitale Fisch, bei dem sich das Versuchstier lĂ€nger aufhielt, kam eine Runde weiter. Anschließend wurden die Merkmale der Gewinner nach dem Prinzip eines genetischen Algorithmus neu kombiniert. Über neun solcher „Generationen“ entstanden so nach und nach virtuelle Fische, deren Aussehen durch die Vorlieben eines echten Fisches mitbestimmt wurde.

Bei den MĂ€nnchen zeichnete sich dabei eine ziemlich eindeutige Vorliebe ab. Ihre virtuellen Weibchen wurden im Verlauf des Experiments im Durchschnitt rund 24 Prozent grĂ¶ĂŸer. Das passt biologisch durchaus, denn bei diesen Fischen hĂ€ngt die KörpergrĂ¶ĂŸe der Weibchen eng mit ihrer Fruchtbarkeit zusammen.

Bei den Weibchen zeigte sich dagegen keine gemeinsame Vorliebe fĂŒr eine bestimmte Kombination mĂ€nnlicher Merkmale.

Ihre Entscheidungen waren dennoch nicht zufĂ€llig. Am Ende bevorzugten sie jeweils die virtuellen MĂ€nnchen, die sich aus ihren eigenen vorherigen Auswahlentscheidungen entwickelt hatten. Sa hat sich quasi jede Versuchsteilnehmerin einen perfekten Partner “gebacken”.

Insgesamt könnte das darauf hindeuten, dass Weibchen durchaus unterschiedliche Vorstellungen von einem attraktiven Partner haben.

Tja, es scheint wohl ein evolutionÀres Muster zu sein mit uns Frauen, nicht leicht zu durchschauen und immer total anspruchsvoll.

Aber im Ernst, die Studie klingt vielleicht etwas eigenartig, am Ende ging es aber zunĂ€chst darum zu zeigen, dass diese neue Methodik ĂŒberhaupt funktioniert.

Was die Forschungsgruppe nun mit dem „geprĂŒften“ Setup anstellt, darauf bin ich sehr gespannt.

Quelle:
Bullough et al., 2026, Royal Society Open Science, „Exploring male and female mate preferences using genetic algorithms and digital phenotypes”

doi.org/10.1098/


biologie verhaltensbiologie partner fisch evolution
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Das Bild zeigt eine Abbildung aus der berichteten Publikation von Bullough et al. Die Abbildung besteht aus zwei Teilen. Links sind untereinander drei virtuelle mĂ€nnliche GrĂŒne SchwerttrĂ€ger abgebildet. Der obere ist deutlich grĂ¶ĂŸer und krĂ€ftiger gebaut, der mittlere kleiner und der untere sehr schlank und klein. Bei allen ist das fĂŒr die MĂ€nnchen typische, nach hinten verlĂ€ngerte Schwert an der Schwanzflosse zu erkennen, wobei es bei dem grĂ¶ĂŸten Fisch auch am lĂ€ngsten ist.
Rechts steht ein Diagramm mit fĂŒnf hohen, annĂ€hernd geigenförmigen FlĂ€chen nebeneinander. Ihre Breite zeigt, in welchem Bereich besonders viele Werte liegen, ihre Höhe die Spannweite. Kleine Rechtecke innerhalb der FlĂ€chen markieren den mittleren Bereich der jeweiligen Verteilung. Die senkrechte Skala reicht ungefĂ€hr von minus 10 bis plus 10 und beschreibt die Vorliebe in Richtung einer KörpergrĂ¶ĂŸe, wobei 0 einer mittleren GrĂ¶ĂŸe entspricht.
Die graue FlĂ€che ganz links zeigt die zufĂ€llig erzeugte Ausgangspopulation. Ihre GrĂ¶ĂŸen verteilen sich breit um den Nullpunkt. Rosa daneben zeigt die tatsĂ€chliche Auswahl der Weibchen. Diese MĂ€nnchen sind tendenziell etwas kleiner, unterscheiden sich in ihrer GrĂ¶ĂŸe insgesamt aber nicht signifikant von der Ausgangspopulation. Die grĂŒne FlĂ€che zeigt eine Simulation, in der jeweils der grĂ¶ĂŸere Fisch ausgewĂ€hlt wurde. Entsprechend liegen die meisten Werte weit oben und stehen fĂŒr sehr große MĂ€nnchen. Bei der tĂŒrkisfarbenen Simulation wurde dagegen jeweils der Fisch mit der stĂ€rkeren FarbsĂ€ttigung ausgewĂ€hlt. Dabei entwickelten sich zugleich ĂŒberwiegend kleinere MĂ€nnchen, weshalb die Verteilung weit unten auf der GrĂ¶ĂŸenachse liegt. Ganz rechts zeigt die lilafarbene FlĂ€che eine rein zufĂ€llige Auswahl. Die GrĂ¶ĂŸen liegen hier wieder ungefĂ€hr im Bereich der Ausgangspopulation. Die tatsĂ€chlichen Entscheidungen der Weibchen zeigten damit keine deutliche gemeinsame Vorliebe.
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Ein Enzym mit doppeltem Talent

Plastik in der Umwelt wird schnell von Bakterien und anderen Mikroorganismen besiedelt. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass sie das Material auch abbauen können. DafĂŒr mĂŒssen die langen Polymerketten zunĂ€chst enzymatisch in kleinere Bausteine zerlegt werden.

Forschende der UniversitÀt Konstanz haben nun in Waldboden ein Enzym entdeckt, das genau das bei bestimmten Polyestern kann und noch eine zweite, ziemlich interessante FÀhigkeit besitzt.

Ausgangspunkt waren neuartige langkettige Polyester, sogenannte LCAPs. Die Forschenden gaben sie zu Waldboden und untersuchten ĂŒber Monate, welche Mikroorganismen sich dabei anreicherten und welche Gene bei ihnen besonders hĂ€ufig auftraten.

Unter mehr als 2.600 möglichen Genen fĂŒr plastikabbauende Enzyme stießen sie auf einen auffĂ€lligen Kandidaten. Das daraus gebildete Enzym LCPH1 besitzt ein ungewöhnlich weit geöffnetes aktives Zentrum, das im Strukturmodell ein wenig an Pac-Man erinnert.

Im Labor bestĂ€tigte sich seine Funktion. LCPH1 spaltete die untersuchten Polyester tatsĂ€chlich in ihre kleineren Bausteine. Gleichzeitig konnte es aber auch ÎČ-Lactam-Antibiotika wie Penicillin und Ampicillin zerlegen und damit unwirksam machen.

Besonders interessant ist außerdem, dass das Enzym vermutlich an der Ă€ußeren Membran des Bakteriums verankert ist. Dadurch könnte der Kunststoff direkt an der ZelloberflĂ€che zerlegt werden, sodass die entstehenden Bausteine anschließend schnell aufgenommen werden können.

Die Entdeckung zeigt damit nicht nur einen möglichen Weg, wie sich Bakterien an synthetische Polyester als neue Nahrungsquelle anpassen könnten. Die Doppelfunktion verbindet zugleich zwei Forschungsfelder miteinander.

Denn ein Enzym, das sowohl Polyester als auch Antibiotika spaltet, könnte langfristig auch helfen zu verstehen, warum Gene fĂŒr Antibiotikaresistenzen auf plastikbesiedelten OberflĂ€chen besonders hĂ€ufig vorkommen.

Das wÀre ein wirklich spannender evolutionÀrer Zusammenhang. Ob er tatsÀchlich besteht, ist allerdings noch offen und muss weiter untersucht werden.

Quelle
Lerner et al., 2026, The ISME Journal

doi.org/10.1093/


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+2 Less wisskomm anysci
Das Bild zeigt vier elektronenmikroskopische Aufnahmen derselben Plastikfolie nach etwa einem Jahr im Waldboden in zunehmender VergrĂ¶ĂŸerung. Auf der zunĂ€chst relativ gleichmĂ€ĂŸig erscheinenden OberflĂ€che werden bei stĂ€rkerer VergrĂ¶ĂŸerung zahlreiche kleine Vertiefungen und Löcher sichtbar. Sie sind nur wenige Mikrometer groß und entsprechen in GrĂ¶ĂŸe und Form einzelnen Bakterienzellen. Einige wirken rundlich, andere lĂ€nglich oder stĂ€bchenförmig. Pfeile markieren besonders deutlich ausgeprĂ€gte AbdrĂŒcke unterschiedlicher Form. In der stĂ€rksten VergrĂ¶ĂŸerung ist in einem der Löcher eine Struktur zu erkennen, bei der es sich vermutlich um ein Bakterium handelt. Die Aufnahmen sprechen damit fĂŒr einen sehr lokalen Abbau des Kunststoffs unmittelbar dort, wo die Bakterien mit der OberflĂ€che in Kontakt kommen. Dazu passt das in der Studie untersuchte Enzym LCPH1, das bestimmte Polyester spalten kann und vermutlich an der Ă€ußeren Membran von Bakterien verankert ist. Die Aufnahmen selbst belegen allerdings nicht, dass LCPH1 die gezeigten Löcher verursacht hat. Das Bild stammt aus der Publikation von Lerner et al, 2026.
AnySci - Wissenschaft fĂŒr Jedermann @anysci mastodon.de

Auf Partnersuche durch den Norden

Der Mornellregenpfeifer ist ein Watvogel, der in kargen Bergregionen und Tundren von Nordeuropa bis nach Nordasien brĂŒtet.

Schon Ă€ußerlich fĂ€llt bei ihm eine Besonderheit auf. Anders als bei vielen anderen Vogelarten sind die Weibchen grĂ¶ĂŸer und auffĂ€lliger gefĂ€rbt als die MĂ€nnchen. Das passt zu einer ungewöhnlichen Rollenverteilung bei der Fortpflanzung.

Die Weibchen balzen und konkurrieren um Partner, legen meist drei Eier und ziehen anschließend hĂ€ufig weiter. Das MĂ€nnchen bleibt zurĂŒck, brĂŒtet das Gelege aus und kĂŒmmert sich spĂ€ter allein um die KĂŒken.

Wohin die Weibchen nach der Eiablage verschwinden, war allerdings lange unklar. Ornithologen vermuteten schon lĂ€nger, dass sie weitere MĂ€nnchen und damit die Möglichkeit fĂŒr ein weiteres Gelege suchen.

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts fĂŒr biologische Intelligenz hat nun 21 Weibchen wĂ€hrend der Brutzeit mit kleinen Satellitensendern verfolgt.

Innerhalb der etwa sieben Wochen, in denen die Weibchen gewöhnlich ihre Eier legen, hielten sie sich an bis zu fĂŒnf verschiedenen Orten auf.

Meist lagen aufeinanderfolgende Stationen weniger als 100 Kilometer auseinander. Einzelne Tiere legten jedoch erheblich grĂ¶ĂŸere Strecken zurĂŒck. Ein Weibchen flog zwischen zwei Aufenthaltsorten 973 Kilometer, die grĂ¶ĂŸte insgesamt zurĂŒckgelegte Distanz betrug sogar 1.343 Kilometer.

Zu Beginn der Saison bewegten sich die Weibchen vor allem nach Norden und könnten dabei der zurĂŒckweichenden Schneegrenze zu neu verfĂŒgbaren Brutgebieten gefolgt sein. SpĂ€ter wurden die Strecken kĂŒrzer.

Ob sie an den verschiedenen Orten tatsĂ€chlich weitere Partner finden und erneut Eier legen, können die Satellitendaten allerdings nicht zeigen. DafĂŒr sind Beobachtungen vor Ort nötig.

Dennoch zeigen die Bewegungsdaten, dass vermeintlich getrennte Brutpopulationen ĂŒber die Weibchen miteinander verbunden sein können, und ein genetischer Austausch ĂŒber sehr große Gebiete stattfinden kann.

Quelle
Kempenaers et al., 2026, Proceedings of the Royal Society B

doi.org/10.1098/


biologie ornithology nordeuropa natur wisskomm
+2 Less unibergen anysci
Das Bild zeigt zwei Mornellregenpfeifer, die in einer kargen, nur spĂ€rlich mit Gras bewachsenen Landschaft stehen. Der Vogel im Vordergrund ist scharf abgebildet und zeigt die fĂŒr die Art typische Zeichnung in Brauntönen mit einem markanten weißen Streifen ĂŒber den Augen, weißem Brustband und rostbrauner Bauchseite. Mornellregenpfeifer brĂŒten in offenen, baumlosen Berg- und Tundrenlandschaften von Nordeuropa bis nach Nordasien. FĂŒr die Studie statteten die Forschenden weibliche Tiere mit nur zwei Gramm schweren, solarbetriebenen Satellitensendern aus. Die Sender ĂŒbermittelten regelmĂ€ĂŸig die Position der Tiere. Aus insgesamt mehr als 14.000 Positionsdaten bestimmten die Forschenden Bereiche, in denen sich ein einzelner Vogel fĂŒr lĂ€ngere Zeit aufhielt, und rekonstruierten daraus, wie viele solcher Gebiete die Weibchen wĂ€hrend der Brutzeit besuchten, wie lange sie dort blieben und welche Entfernungen sie dazwischen zurĂŒcklegten. Das Forto wurde von Terje Lislevand von der UniversitĂ€t Bergen in Norwegen aufgenommen, der selbst zum internationalen Forschungsteam der Studie gehört und als Koautor an der Datenerhebung beteiligt war.

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