Michael Gisiger
Erwachsenenbildung | Bildungsentwicklung & Lehrgangsverantwortung | AI Literacy & KI-Governance
Lehrgangsverantwortlicher NDS HF Online-Marketing & Dozent
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Vier Stufen beruflicher Kompetenz im KI-Zeitalter
Wer KI im Beruf sinnvoll einsetzen will, braucht mehr als Prompting oder Toolwissen.
Für mich lassen sich vier Stufen unterscheiden:
- Fachkompetenz – die Aufgabe selbst verstehen.
- Anwendungskompetenz – passende KI-Werkzeuge einsetzen.
- Urteilskompetenz – Ergebnisse fachlich, rechtlich und ethisch beurteilen.
- Gestaltungskompetenz – Arbeitsprozesse, Rollen und Verantwortlichkeiten mit KI neu gestalten.
Gerade die vierte Stufe wird entscheidend: Aus individueller KI-Kompetenz wird Organisationskompetenz.
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1947 hielt Dorothy L. Sayers einen Vortrag, der später unter dem Titel The Lost Tools of Learning bekannt wurde.
Ihre Diagnose bleibt aktuell: Bildung vermittle zwar zahlreiche Inhalte, vernachlässige aber die Kunst des Lernens selbst.
Sayers dachte dabei an grundlegende geistige Werkzeuge: Sprache präzise verstehen, Argumente prüfen, Schlüsse ziehen und Gedanken überzeugend formulieren.
Mit generativer KI bekommt dieses alte Problem eine neue Dimension.
Ein Sprachmodell liefert uns nicht nur Informationen. Es kann Texte strukturieren, Argumente formulieren, Schlussfolgerungen ziehen und Positionen entwickeln. Es übernimmt damit Tätigkeiten, die bislang zumindest sichtbar mit eigener geistiger Arbeit verbunden waren.
Deshalb greift die Frage «Dürfen Lernende KI benutzen?» meines Erachtens zu kurz.
Wichtiger ist:
Können sie beurteilen, was die KI produziert?
Wer Argumente prüfen, Quellen einordnen und Widersprüche erkennen kann, erhält mit KI ein leistungsfähiges Werkzeug.
Wer diese Fähigkeiten nie entwickelt hat, erhält dagegen möglicherweise vor allem die Illusion von Kompetenz.
AI Literacy beginnt deshalb für mich nicht beim Prompting. Sie beginnt bei Lesen, Schreiben, Argumentieren und Urteilen.
Oder mit Sayers gesprochen: bei den Werkzeugen des Lernens.
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Wenn die Kennzahl zum Ziel wird
Kennzahlen sind nützlich. Sie reduzieren Komplexität, machen Entwicklungen sichtbar und helfen uns, Entscheidungen zu treffen.
Problematisch wird es, wenn wir beginnen, die Kennzahl selbst zu optimieren statt das, was sie eigentlich messen sollte.
Genau darauf weist Goodharts Gesetz hin: Sobald eine Messgrösse zum Ziel wird, verliert sie einen Teil ihres Werts als Messgrösse.
Das lässt sich leicht auf Bildungsorganisationen übertragen.
Eine hohe Abschlussquote sagt etwas über einen Lehrgang aus – aber nicht automatisch, wie viel gelernt wurde. Gute Evaluationsergebnisse sind erfreulich, können aber auch entstehen, weil ein Kurs angenehm statt anspruchsvoll war. Und eine steigende Zahl von KI-Nutzungen in einer Organisation beweist noch keine gewachsene AI Literacy.
Das Problem liegt dabei nicht in den Kennzahlen selbst. Es entsteht, wenn Messung und Ziel miteinander verwechselt werden.
Für Führung und Qualitätsmanagement sind deshalb für mich drei Fragen mindestens so wichtig wie die eigentliche Zahl:
- Was soll diese Kennzahl tatsächlich abbilden?
- Welches Verhalten erzeugt sie, sobald Menschen beginnen, darauf zu optimieren?
- Was bleibt unsichtbar, wenn wir nur auf diese Zahl schauen?
Metriken sind gute Wegweiser. Aber schlechte Reiseziele.
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Der neue BIBB-Sammelband «KI in der beruflichen Bildung – wie können wir die Zukunft gestalten?» umfasst 19 Beiträge zu Lehr-Lern-Prozessen, Weiterbildung, Prüfungen, Rollenwandel, AI Literacy und organisationalem Lernen. Schon die erste Sichtung zeigt eine erfreulich nüchterne Linie: Es geht deutlich weniger um «mehr KI-Tools» als um die Frage, wie KI fachlich, didaktisch und organisatorisch verantwortlich eingesetzt werden kann.
Einige Punkte, die ich besonders interessant finde:
AI Literacy ist mehr als Tool-Kompetenz. Entscheidend sind professionelle Urteilskraft, Selbstregulation und die Fähigkeit, KI in konkreten beruflichen Situationen reflektiert einzusetzen. Rein instrumentelle «KI-Führerscheine» greifen zu kurz, wenn sie nicht in eine breitere AI Readiness der Organisation eingebettet werden.
Menschliche Expertise bleibt zentral. KI kann Materialien erzeugen, Varianten erstellen, Informationen strukturieren oder Korrekturprozesse unterstützen. Fachliche Richtigkeit, Kontextpassung, pädagogische Qualität und Verantwortung lassen sich aber nicht einfach delegieren.
Auch die Rolle des Bildungspersonals verändert sich. Beratung, Lernbegleitung, Kuratierung, Validierung und Gestaltung von Lernprozessen gewinnen an Gewicht. Gleichzeitig findet Professionalisierung heute vielfach noch informell durch eigenes Ausprobieren statt.
Besonders spannend finde ich zudem die Beiträge zu organisationalem Lernen: KI-Transformation erscheint hier weniger als reine Technologieeinführung denn als Lern- und Gestaltungsaufgabe für ganze Organisationen.
Mein erster Eindruck: ein ausgesprochen relevanter Band für alle, die sich mit beruflicher Aus- und Weiterbildung, AI Literacy und KI-Governance beschäftigen.
Download / Publikationsseite:
bibb.de/dienst/…
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